Der alte Friseurmeister grüßt noch wochenlang mit „Heil Hitler!“

Laasphe..  Walter Gelber schildert uns, wie er den Einmarsch der Amerikanischen Truppen am Gründonnerstag 1945 als Augenzeuge erlebt hat. Damals war Gelber 13 Jahre alt und wohnte in der Feldstraße 12.

„Der 29. März 1945, das war der Tag, an dem amerikanischen Truppen in Bad Laasphe einmarschierten. Schon Tage zuvor gab es starke Truppenbewegungen im Laaspher Raum. Am Fang stand ein deutsches Geschütz, deutsche Panzer fuhren Richtung Schloss Wittgenstein und in Richtung Laasphetal, deutsche Infanteristen lagen im Wald. Große Angst herrschte in der Bevölkerung. Seit dem Großangriff auf Siegen und denen auf Erndtebrück (10. März 1945) und Feudingen (20. März 1945) rechneten auch wir als Familie mit Fliegerangriffen.

Immer fluchtbereit

Täglich wurde der Handwagen mit dem Nötigsten gepackt und im angrenzenden Wäldchen hinter dem alten Forsthaus in der Pracht Schutz gesucht. An Gründonnerstag kamen wir nicht dazu, die Alarmsirene heulte schon gegen 7 Uhr morgens. Wir sprangen voller Angst aus unseren Betten, und es ging ab im Laufschritt die Feldstraße hinunter, die heutige Bahnhofstraße überquerend übers „Wurschtebrückelchen“ links in Richtung Buhl, dann über die Lahnbrücke und in wenigen Metern Entfernung hatten wir keuchend unser rettendes Ziel erreicht: den Felsenkeller. Der Keller, in dem die Brauerei Bosch im Winter große Eisbrocken lagerte, um sie im Sommer zwecks Kühlung des Bieres in kleineren Portionen wieder zu holen (Eismaschinen gab es damals noch nicht), hatte die Brauerei den Bürgern der Stadt als Bunker überlassen.

Wir waren nicht allein unterwegs, viele kamen und suchten Schutz. In dem großen, langen Gewölbe, vielleicht drei Meter breit, 20 Meter hoch und zig Meter lang, hielten sich nach meiner Erinnerung mindestens 150 Menschen beiderseits des Kellers auf Holzbänken sitzend auf. Es war nicht warm, aber auch nicht störend kühl, etwa acht Grad Celsius. Unvergesslich ist für mich die unheimliche, spannungsgeladene Atmosphäre, die in dem Keller herrschte. Sie machte uns Kindern Angst, kleine Kinder weinten.

Die Anspannung wuchs, Gerüchte kamen auf, feindliche Truppen seien im Anmarsch. Was würde man mit uns machen? Würde man sich an uns rächen? Ältere, besonnene Männer beruhigten uns. Im Keller saßen nicht nur deutsche Zivilisten, sondern viele deutsche Verwundete aus dem Laaspher Lazarett (heutige Grundschule, ab 1939 Kaserne, später Lazarett) etliche deutsche Soldaten auf Urlaub, französische und russische Gefangene.

Angst vor den Amerikanern

Dann, es muss gegen 13 Uhr gewesen sein, ich war im hinteren Bereich des Kellers, hörte man laute Geräusche, laute Stimmen und Schreien, ich konnte aber nichts sehen, andere schon: „Die Amis sind da.“

Jetzt kam es zu tumultartigen, aufgeregten Szenen. Schräg mir gegenüber versuchten Laaspher Bürger, deutsche Verwundete und Urlauber dazu zu bewegen, ihre Militäruniformen abzulegen und bereitgehaltene Zivilkleidung anzuziehen. Denn es gab zwischen Laaspher Mädchen und Militärangehörigen feste Beziehungen. Aber das, das konnte ich damals nicht verstehen, lehnten die Umsorgten alle ab. Nun gab es Bewegung. Amerikanische Soldaten forderten zuerst, so ist meine Erinnerung, alle deutschen Soldaten auf, den Keller zu verlassen, um gefangen genommen zu werden. Sodann wurden die Gefangenen befreit, Franzosen und Russen. Eine große Anzahl der Gefangenen, z.B. der Franzosen, lebten tagsüber in deutschen Familien mit Landwirtschaft und schliefen abends in der Turnhalle (heute hinter dem Radiomuseum). Die Franzosen legten für die Laaspher und ihre gute Menschlichkeit bei den Besatzern ein lobendes Wort ein, nur einen Aufseher wollten sie strafen, erreichten ihn aber nicht mehr, weil er sich selbst gerichtet hatte.

Eine neue Zeit bricht an

Und wir Deutsche? Wir durften heimgehen. Da verließ ich die Familie und war nicht mehr zu halten. Aus der Ferne hörte ich schon das Donnern der Panzer auf der Bahnhofstraße. Dort, neben das Café Schröder, stellte ich mich hin (jetziger Zugang zum Kino) und war fasziniert. Staunend sah ich in Richtung Stadtmitte die großen, starken Panzer, schwerbewaffnete Soldaten auf Mannschaftswagen. Manche winkten uns zu. Und dann sah ich plötzlich, wie ein deutscher Polizist, vor einem amerikanischen Panzer herlaufend nach Atem rang, sicherlich eine harte Strafaktion für jemand mittleren Alters, der zuvor offenbar etwas Böses getan hatte. Das war Gründonnerstag 1945.

Eine neue Zeit brach für mich, für Laasphe, für Deutschland an. Neugierig schlenderte ich die Feldstraße hinunter in Richtung Bahnhofstraße, da sah ich Unglaubliches: Das damalige Café Schröder (heute etwa da, wo die Volksbank steht) war umgerüstet als Küche für die Amerikaner. Es gab Spiegeleier in Pfannengröße. Offenbar müssen sie nicht geschmeckt haben, denn die etwa vierstufige Treppe war mit hingeworfenen Spiegeleiern übersät.

Nie wieder Brasilzigarren

Danach gab es noch viele kleine Geschichten, die es verdienten, erzählt zu werden: von den Schokolade verteilenden US-Soldaten, die sich in bestem Deutsch mit uns unterhielten, von den Jungs, die zur Strafe wegen Beklauens der Amis auf dem Dachsitz der Grundschule auf Befehl betrunkener Amis die deutsche Fahne hissen und das Deutschlandlied singen mussten, dem alten Friseurmeister, der uns Jungen Tage nach der Befreiung noch mit „Heil Hitler“ begrüßte, die Hand hoch hebend und sich dann ängstlich umschauend, bis hin zu den geklauten Brasilzigarren, die meinen beiden Freunden und mir hinter dem Denkmal so zusetzten, dass ich nie wieder eine Zigarre rauchte.

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