Das Ziel treffen

Wenn jetzt in der Sommerzeit überall in unseren Dörfern und Städtchen wieder die Schützenfeste stattfinden, dann geht es um Geselligkeit und Festfreude – aber auch um Treffsicherheit und darum, ein Ziel ins Visier zu nehmen. Früher war der Schütze einer, der mit Pfeil und Bogen umgehen konnte. Heute schießen Bogenschützen nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz, sondern auch in Verbindung mit Meditation oder zur Lebensschulung. Kann das Schießen auf ein Ziel uns etwas über das Leben lehren?


Zunächst eine kleine Geschichte: Ein Mann fuhr an einer Farm vorbei, als eine Beobachtung seine Aufmerksamkeit erregte: An der Seite einer Scheune waren zahlreiche Zielscheiben zu sehen, in deren Mittelpunkt jeweils ein Pfeil steckte. Er war erstaunt über die Leistung eines solchen Meisterschützen. Er hielt an, um den Farmer für seine Fertigkeit im Umgang mit Pfeil und Bogen zu beglückwünschen. Der Farmer wehrte ab: „Das stammt nicht von mir,“ erklärte er, „das hat der Dorftrottel gemacht; er kommt öfters zu meiner Farm, schießt Pfeile auf meine Scheune ab und malt dann die Zielscheiben drumherum.“


In dieser Geschichte steht der Dorftrottel für einen Menschen, der sich nicht die Mühe macht, ein Ziel zu verfolgen, sondern der einfach aufs Geratewohl losschießt und dann das Ziel nachträglich bestimmt. Hand aufs Herz: Wie leben wir unser Leben? Leben wir auch einfach drauflos, malen dann einen Kreis um das, was wir gerade tun – und behaupten siegesbewusst, damit ins Schwarze getroffen zu haben? Oder haben wir ein Ziel vor Augen und leben auf dieses Ziel hin und trainieren und verbessern unsere Treffsicherheit? Und falls wir ein Ziel vor Augen haben: Welches ist es?


Zu Jesus kam einmal ein Mensch und fragte ihn genau das: Was soll das Ziel meines Lebens sein, wofür lohnt es sich, mich mit all meiner Kraft anzustrengen? Jesus entwickelt gemeinsam mit dem Fragenden die Antwort, welche die Bibel gibt: Du sollst Gott den Herrn lieben von ganzem Herzen und deinen Mitmenschen wie dich selbst (Lk 10,27). Dieses sogenannte „Doppelgebot der Liebe“ lässt unser Leben an sein Ziel kommen: Liebe zu Gott und Liebe zu unseren Mitmenschen. So einfach ist das? So einfach und so schwer ist das!


In Jesu Bibel, dem Alten Testament, bedeutet das hebräische Wort für „sündigen“: das Ziel verfehlen. Und so kann der Schütze, der konzen­triert das Ziel anvisiert, der sich um eine richtige Haltung bemüht, der Ruhe und Stille in sich willkommen heißt, der dann gelassen Pfeil oder Kugel auf den Weg bringt, der im Hinterherschauen lernt, was er demnächst noch verbessern kann – so kann der Schütze durchaus ein Bild sein für den Menschen, der im Sinne Gottes das Leben nicht verfehlt: der die Liebe ins Ziel nimmt, der sich auf den Weg der Nachfolge Jesu macht und zielbewusst versucht, in seinem Leben immer mehr die Liebe zu leben.


Vielleicht stehen wir demnächst an der Vogelstange mit anderen Augen – und entdecken für uns dort ein Stück Lebensschulung! Gott segne Sie dazu!


Christine Liedtke, Gemeindepfarrerin Bad Berleburg, Schüllar-Wemlighausen und Girkhausen