Das gute alte Mittelalter lebt auch an der Eder

Erndtebrück..  Die Typen neulich auf dem Erndtebrücker Weihnachtsmarkt, die kamen Ihnen irgendwie – nun ja, mittelalterlich vor? Aber da sind Sie möglicherweise nicht der einzige: Denn es gibt sie wirklich, die Mittelalter-Fans mitten im Kernort. Sie gehören dem „Clan der Verworrenen“ an.

Der Clan als Familie

Den harten Kern bilden im Moment acht Mitglieder, alles ganz normale Menschen aus Erndtebrück. Naja, vielleicht nicht ganz – schließlich „muss man so einen gewissen Spleen haben“, findet Ingo Maletschek. Sein Spitzname im Clan: Floki, in der TV-Serie „Vikings“ übrigens einer der Nordmänner. Im Alltag ist der 28-Jährige Instandhalter beim Bad Laaspher Böden-Hersteller Slawinski.

Nun, das trägt schon ganz gut zur Erklärung des Clan-Namens bei. Und sonst? Übers Internet ist der Clan jedenfalls nicht zu finden. Eigentlich auch kein Wunder, ist er doch eher so etwas wie eine Familie Gleichgesinnter. Einmal die Woche trifft man sich reihum privat, tauscht sich aus. Etwa in einer Scheune unterhalb der Kirche: Hier hat Ingo „Flokis Taverne“ eingerichtet, die auch beim Weihnachtsmarkt oder in der „Nacht der Nächte“ für Besucher offen ist.

Die Aktivitäten

Geburtstage im Clan sind durchaus Anlass für ein mittelalterliches Gelage. Gemeinsam besucht man Mittelalter-Märkte in der Umgebung wie in Freudenberg, Altena, Siegburg oder Marburg. Hier gibt’s alle Ausrüstungsgegenstände, die das Fan-Herz begehrt. Da wirft der Clan beim Kessel-Kauf auch schon mal ganz demokratisch das Geld zusammen. „Da kamen dann die Euros von allen Seiten in den Kessel geflogen“, erzählt Thomas Wollenberg – und der Händler blieb einigermaßen verblüfft zurück. Der 44-jährige Thomas trägt im Clan den Spitznamen „Gimli“, nach einem der Zwerge in Tolkins „Herr der Ringe“. Ähnlichkeiten zwischen den beiden sind natürlich rein zufällig. Ansonsten arbeitet er bei Bikar in Bad Berleburg. Der Clan schaut sich aber gerne auch um in „Ruinen, frei begehbar“, erzählt Thomas.

Die Optik

Gemeinsam unterwegs sind die Erndtebrücker meist in stilechter Kleidung – auch im Winter. Dann aber „nur mit Fell!“, betont Christopher „Giusto“ Giustolisi mit einem Schmunzeln. Den 30-Jährigen, der nicht nur perfekt häkeln kann, hat es vor drei Jahren aus Meßstetten in Baden-Württemberg nach Wittgenstein verschlagen. Er wohnt auf der Leimstruth und arbeitet als Elektroniker am Bundeswehr-Standort Erndtebrück. Mit Fell-Klamotten also durch Siegburg, Außentemperatur bei minus sechs, acht Grad. „Da sind wir gemächlich über den Weihnachtsmarkt“, erzählt Thomas – „und keiner von uns hat gefroren“. Toll, so ein Fell. Wobei Thomas zugibt: „Naja, drunter hatten wir schon Funktionskleidung...“ Ach so. Aber das sieht ja auch keiner.

Das Sommerlager

Höhepunkt im Clan-Leben ist ganz ohne Frage das eigene Sommerlager in der Natur bei Erndtebrück. Mit historischen Zelten, Kochen auf offenem Feuer. Eine Woche machen wir das, hatte sich der Clan beim ersten Mal vor zwei Jahren vorgenommen, ein paar Monate nach der Gründung. „Am Ende sind es dann zehn Tage geworden“, erinnert sich Christopher mit einem Grinsen. Es muss also irgendwie Spaß gemacht haben. Und: „Man kann ganz schön total abschalten“, hat Ingo erlebt. Am besten ohne Uhr, ohne Handy.

„Das macht mehr als Spaß“, sagt Anke Wollenberg alias „Tara Lynn“ – übrigens der Name eines Models, das auf besondere Weise Größe zeigt. „Bierernst nehmen wir uns sowieso nicht.“ Die 44-Jährige ist so etwas wie die „Kräuter-Hexe“ im Clan, die aber auch gerne strickt. Gerade erst hat Ingo Schafswolle von einem ansässigen Bauern organisiert. „Und die versuche ich jetzt zu verspinnen“, erklärt Anke. In der Gegenwart bedient sie in der Erndtebrücker Pizzeria „Bella Italia“, ist Hausfrau und Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Und dann sind da zum Beispiel noch Andrea Odenhausen (31). Oder Sarah Mönkemeier (24), die sich prächtig aufs Filzen versteht – damit kriegt der Clan jetzt sogar eigene Hausschuhe. Interessierten Nachwuchs, den gibt’s auch: mit den beiden Azubis René Schlabach und Sebastian Vortmann.

Das Selbstverständnis

Ist das Clan-Leben nicht auch so etwas wie ein Live-Rollenspiel? Nein, damit möchten die Erndtebrücker nicht verwechselt werden. „Die hauen zum Beispiel mit Plastik-Schwertern um sich“, rümpft Thomas die Nase. Und Kunststoff passt nun so gar nicht zum Mittelalter. Als Ritter verstehen sich die Clan-Mitglieder aber auch nicht – „eher so als das einfache Handwerker-Volk“, beschreibt es Thomas.

„Die ganze handwerkliche Seite interessiert uns besonders“, erklärt Christopher. Und wie man ein 4 mal 3 Meter großes, mittelalterliches Stoffzelt mit Nadel und Faden selbst so zusammennäht, dass es am Ende auch regendicht ist, weiß er seit kurzem auch. Christopher: „Da war ich schon ein paar Tage dran.“ „Und weggeflogen ist es auch nicht“, witzelt Thomas. Test bestanden.

Christopher ist manchmal aber auch als Barde unterwegs – mit der Dulcimer, einer Art Zither mit vier Saiten. Das Instrument spielt in der Mittelalter-Musik eine Rolle, ist aber auch in der Folk-Bewegung bekannt.

Und was trägt man außer Instrument und wärmendem Fell sonst noch so im Mittelalter mit sich herum? Eine Flasche aus Leder zum Beispiel, durch Wachs erstaunlich robust in Form gehalten. Oder die Axt, um Holz fürs Lagerfeuer zu bearbeiten – außerdem ist Axt-Werfen ein beliebter Wettbewerb unter den Fans. Oder das Trinkhorn, Fassungsvermögen ein Liter – was in etwa einer ausgewachsenen Maß auf dem Münchner Oktoberfest entspricht.

Übrigens: Silvester hat der Clan gemeinsam gefeiert – allerdings in Zivil und mit Bekannten. Da bleiben Felljacke, Axt und Trinkflasche in der Kiste. Vorerst.