...damit wir klug werden

Kirchentag ist. Dieses Jahr in Stuttgart. 1981 – vor 34 Jahren bin ich das erste Mal zum Kirchentag gefahren. Er war in Hamburg, stand unter dem Motto „Fürchte dich nicht“. Um überhaupt fahren zu können, bedürfte es eines großen Kampfes. Mein Vater wollte mich mit noch nicht ganz 15 Jahren nicht in den Sündenpfuhl Hamburg ziehen lassen. Und Kirche gegenüber war er überhaupt skeptisch eingestellt.


Es wurde die großartigste Zeit meines bisherigen Lebens: Die Welt war da, Geist wehte, gesellschaftspolitische Verantwortung wurde ernsthaft durchbuchstabiert. Politik und Kirche rangen miteinander: Die Nachrüstungsdebatte war brennend heiß, Lateinamerika war geprägt von der Befreiungstheologie: Christinnen und Christen redeten Tacheles. Politiker mussten Rede und Antwort stehen. Hunderttausende Menschen rangen miteinander um den richtigen Weg, die Erde mit ihren Geschöpfen zu bewahren. Alles stand unter der Zusage: Fürchte dich nicht. Sie war nötig. Und dabei und danach war Trost da: Trost, weil so viele friedlich für eine sicherer, gerechtere Welt standen.


Stuttgart 2015 – damit wir klug werden. Ein wunderbares Motto in unsere Zeit gesprochen, in der Klugheit und Weisheit und Weitsicht und Umsicht zumindest nicht so sehr zu den Tugenden der Regierenden gehören. Und zu unsere auch nicht. Eigentlich steht dort „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen“. „Weise“ – das ist die Fähigkeit, Dinge richtig zu beurteilen und die geeigneten Mittel zu finden. Es ist die Weisheit, den Rätseln der Welt auf die Spur zu kommen. Es ist die Weisheit Gottes, die wir als Quelle der unsrigen erkennen wollen.


Jedes Mal neu freue ich mich auf den Kirchentag. Mit zunehmendem Alter fürchte ich die Menschenmengen mehr. Und doch: Immer noch suche ich die Gemeinschaft derer, die wissen, dass wir nur eine begrenzte Spanne haben, die wissen, dass wir auf alle erdenklichen Arten gemeinsam lernen und ringen und lachen müssen, damit unser Herz verständig und weise wird. Damit die Welt unseren Kindern verletzter und doch heiler übergeben wird.


Morgen endet er, der Kirchentag. Wie viele Impulse, von denen einige bleiben mögen, sendet er in die Unruhe der Welt, in die Ängste der Menschen, damit wir klug werden und uns nicht fürchten?
Pfarrerin Silke van Doorn, Schulreferentin des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein