Botschaften, die nicht jedem schmecken

Biedenkopf..  Hagen Rether versteht es, Menschen zum Nachdenken und zum Lachen zu bringen. Das hat der Essener Kabarettist auf Einladung des Kultur- und Veranstaltungsrings Biedenkopf eindrucksvoll bewiesen. „Liebe“ lautet der Titel seines Programms. Deutlich mehr als 300 Besucher kamen zu der Vorstellung ins Biedenkopfer Bürgerhaus, darunter auch so mancher Wittgensteiner.

Manchmal schließt das eine das andere aus. Nachdenken und gleichzeitig Lachen? Das geht nicht immer. Denn es gibt Dinge, die einfach nicht lustig sind. Hagen Rether berichtet von einem Erlebnis auf der Straße. Jemand sagt ihm: „Wissen Sie was, wir bauen den Juden viel zu viele Moscheen.“ Einige Besucher lachen und es ist der Kabarettist, der das Gelächter stoppt: „Das ist doch nicht witzig!“

Begriffe hinterfragen

Hagen Rether, der mit seinem leichten Ruhrpott-Slang unter anderem aus der ZDF-Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ bekannt ist, hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Er hinterfragt ihr Vokabular. Und sagt, welche Bezeichnungen er nicht mag: „sozial schwach“ zum Beispiel. Damit gemeint sei „ökonomisch schwach“, doch können „ökonomisch Starke“ in seinen Augen gleichzeitig sozial schwach sein. Eine seiner Hauptbotschaften: Niemand kann sich unter Verweis auf „die da oben“ aus der Verantwortung ziehen. Beispiel Finanzmarkt: „Was bringt uns eine Finanzmarktregulierung, wenn wir Schnäppchenjäger bleiben?“

Er möchte wissen, weshalb Teile der Gesellschaft – insbesondere die Mittelschicht – so sehr unter Druck stehen. Ein Beispiel für diesen Druck sei das Abi mit 17. Dass sich nach dem Abitur viele für ein Freiwilliges Soziales Jahr entscheiden, gibt dem 45-Jährigen zu denken. Er fragt sich, was für Jahre ein junger Mensch vor dem „sozialen“ Jahr erlebt haben muss. Gelächter im Publikum.

Raus aus dem komfortablen Nest

Der Druck, den manche Menschen sich machen, zeige sich schon bei der Urlaubsplanung. Wer im Januar einen Urlaub ab dem 17. Juli buche, wisse schon, was am 16. Juli zu tun sei: „Die Bude aufräumen, damit es schön ist, wenn du nach Hause kommst.“ Was Hagen Rether nicht versteht: Wieso die Leute nicht gleich zu Hause bleiben, wenn sie es sich dort so schön machen. Seine Schlussfolgerung: „Je komfortabler wir uns das Nest einrichten, umso mehr wollen wir raus, umso weniger können wir uns erholen.“

Früher hätten die Menschendrei Fernsehprogramme empfangen und kein Internet gehabt – aber: „Wir haben uns erholt.“ Früher, da habe es auch noch Achselhaare und das Briefgeheimnis gegeben. „Heute sind wir transparent und nackig.“ Die Liste an Dingen, die sich geändert haben, setzt er fort – und kommt wieder auf aktuelle Themen zu sprechen. „Haben Sie auch Angst vor dem Islam?“, will er wissen. „Jedes Jahr sterben in Deutschland 70 000 Menschen an Alkohol. Haben Sie Angst vor Riesling?“

Sogenannte „Wutbürger“ und Rechtpopulisten bekommen während ihr Fett weg. Es sei schon erstaunlich, dass AfD-Vorsitzender Bernd Lucke „Dresche“ kriege, während es CSU-Chef Horst Seehofer mit den gleichen Sprüchen in die Regierung geschafft habe. Ins Fadenkreuz des Kabarettisten gerät auch die französische Rechtsextremistin Marine Le Pen, die nach dem Attentat auf das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ die Wiedereinführung der Todesstrafe forderte. Todesstrafe für Selbstmordattentäter? Das sei ja wie Peitschenhiebe für Masochisten oder Kirchenverbot für Atheisten.

Hagen Rether hat etwas gegen „Null-Sätze“ wie: „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.“ Dem entgegnet er: „Die Wahrheit stirbt schon vorher – wach auf, du Hippie!“

Schließlich greift er ein tagesaktuelles Thema auf: die Papst-Äußerung, wonach das Schlagen von Kindern nicht grundsätzlich falsch sei, solange die Würde eines Kindes gewahrt bleibe. Angesichts der Empörung, die diese Aussage auslöste, fragt Rether, weshalb Papst-Aussagen überhaupt so wichtig genommen werden. Was der Papst beispielsweise in Bezug auf Armut oder Homosexuelle gesagt habe, entspreche lediglich einem „Minimalkonsens“. Dass Armut bekämpft werden müsse, dass man auch auf Homosexuelle zugehen müsse – daran sei nun wirklich nichts neu.

Deutliche Worte wählt Hagen Rether in Bezug auf die Ausbeutung der Natur. Jeden Tag verschwinde Wald in der Fläche der Stadt Köln. Wald, der zum Beispiel für den Anbau von Tierfutter gerodet wird – „damit wir weiter Massentierhaltung haben können.“ Er sei kein Freund von Verboten, aber wenn die Zerstörung des Planeten in diesem Tempo weitergehe, seien Verbote irgendwann unumgänglich. Zum Beispiel Fisch- oder Fleischverbote.

Zum Abschluss am Flügel

Zum Abschluss setzt sich Hagen Rether an den Flügel, den er zuvor gereinigt hat – eines seiner Bühnenrituale. Allerdings erleben nicht alle Gäste den musikalischen Abschluss. Immer wieder haben nach der Pause einzelne Zuschauer den Saal verlassen. Das mag an der Länge des Programms (mehr als drei Stunden) liegen. Aber vielleicht auch daran, dass Hagen Rethers Botschaften wohl nicht jedem schmecken. Einigen spricht er aus der Seele, andere sitzen stocksteif auf ihren Plätzen, verziehen keine Mine oder blicken sogar grimmig drein. Sie gehen am Ende schnell und wortlos aus dem Saal, während andere, gutgelaunte Besucher anschließend noch Schlange stehen für ein Autogramm oder einen kurzen Wortwechsel mit dem Kabarettisten. Einem Streitbaren, der zweifelsfrei zu den Großen gehört.