Auf Spurensuche nach dem Duftanhang

Wittgenstein..  Vor einiger Zeit war hier in der Heimatzeitung ein Leserfoto von Manfred Jericho zu sehen mit der Bildunterschrift, dass es sich um „Duftanhang“ handelt, wie der Raureif anscheinend im Volksmund genannt wird. Da uns, unserem näheren und weiteren Bekanntenkreis dieser Begriff absolut unbekannt war, haben wir uns auf Spurensuche begeben. Denn um „Duft“ im Sinne von „feiner Ausdünstung“, zartem Geruch, sowie Gerüchen allgemein, wie auch Rauch, Parfüm oder duftenden Seifen kann es bei diesem eisig-rauen Reif ja nicht gehen.

Der Raureif (alte Schreibweise: Rauhreif) wird neben Raufrost, Haarfrost, Reif, Eisanhang, Eisbehang mancherorts auch „Duft“ genannt.

Eiskristalle

Er bildet sich aus kalten Wassertropfen, leichtem Nebel oder direkt aus der umgebenden Luftfeuchtigkeit durch die sogenannte Resublimation, hierunter versteht man in der Thermodynamik das unmittelbare Übergehen eines Stoffes vom gasförmigen in einen festen Aggregatzustand. Hierfür ist idealerweise eine sehr hohe relative Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent und eine Lufttemperatur von unter minus 8 Grad Celsius nötig. Es entstehen vor allem gegen die Windrichtung nadelförmige, zumeist sechsstrahlige baum- oder strauchartige Eiskristalle, die sogenannten Dendriten, die eine erstaunliche Größe und auch äußerst fantasiereiche Formen erreichen können und sich dabei meist nur langsam ausbilden.

Wind bildet Raureif

Raureif wächst an Ästen, Bäumen, Gestrüpp aber auch an Draht gegen den Wind, da die luvseitig (dem Wind abgewandte Seite) ankommende Luft einen höheren Feuchtigkeitsgrad hat als die zugewandte Seite. Wind erhöht die Bildung von Raureif, dieser darf aber auch nicht zu stark sein, da er sonst die empfindlichen Strukturen zerstören würde. Das Phänomen der Entstehung des echten Raureifs tritt relativ selten, aber punktuell vergleichsweise häufig, bei uns in Wittgenstein in zumeist „zugigen“ Tälern oder auf „windigen“ Höhen auf und wird oftmals mit Reif oder Raueis verwechselt, für die es eine Art Zwischenstadium darstellt. Eine besondere Form des Raureifs sind Eisblumen. Womit wir zwar bei den „Blumen“, aber immer noch nicht beim „Duft“ sind.

Diese „duftigen“ Begriffe scheinen aber alle nicht (nur) dem Volksmund zuzuordnen sein, denn unserer Einschätzung nach sind es alles Begriffe aus der waldbaulichen oder forstlichen Fachsprache und darüber hinaus auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt. So kennt man hier die sogenannte „Duftware“, oder auch das „Duftholz“, worunter Forstleute Weich-(Laub-)holz verstehen. Im Gegensatz dazu wird Hartholz von Eiche oder Buche mancherorts als „Blumholz“ oder „Blumware“ bezeichnet.

Der Begriff „Duft“ scheint vielmehr aus dem alten mittelhochdeutschen Wort „Tuft“ abgeleitet, was so viel wie Dunst, Nebel, Reif oder Tau bedeutete. Daraus ist dann „Duft“ auch für Raureif geworden und hat sich mundartlich-fachlich in der Forstsprache erhalten.

Gewebe aus Naturseide

Tuft bringt uns annäherungsweise zu „Taft“, was nur scheinbar ein Begriff aus der Sprühdosen-Haarkosmetik (Stichwort: Drei-Wetter-Taft) ist, denn tatsächlich ist „Taft“ italienischen und persischen Ursprungs – taffeteá; englisch auch taffeta – und bedeutet Gewebe aus Natur- oder Halbseide, kann also auch nichts mit eisigen Gebilden und „Duft“ zu tun haben.

Interessant ist vielleicht noch, dass die Begriffe Duftanhang und Duftbruch für Eisbruch nicht nur regional oder begrenzt auf eine Mundart benutzt werden, sondern in der forstlichen Fachsprache zwar anscheinend im gesamten deutschen Sprachraum, also auch in Österreich, Anwendung finden, sich darüber hinaus aber auch und insbesondere in typischen Raureif-Gegenden wie dem Wittgensteiner Land erhalten haben (könnten).