Auf der Flucht von der Roten Armee eingeholt

Rückershausen..  „Einmal wird einer mal der letzte Scheidelwitzer sein“, hat der im Jahr 2008 verstorbene Hubert Raabe vorausgesagt. In Wittgenstein gibt es noch 38 Menschen, die in dem Örtchen, 30 Kilometer südlich von Breslau, das Licht der Welt erblickten. Alle teilen ein Schicksal: Ab dem 20. Januar 1945, also vor genau 70 Jahren, mussten sie Entsetzliches über sich ergehen lassen. Die spontane Flucht mit den Pferdewagen bei eineinhalb Metern Schneehöhe und klirrenden 20 Grad unter Null sollte leider nicht von Erfolg gekrönt sein.

Bettina Wolzenburg aus Rückershausen, Schwester von Hubert Raabe, kennt die ganze Geschichte. Als die Rote Armee bereits Teile von Schlesien erobert hat, kommt der Befehl zur Räumung des bäuerlich geprägten Örtchens Scheidelwitz. Er zählt zu Friedenszeiten 750 Einwohner, die zusammen rund 3000 Morgen Land bewirtschafteten. „Industrie gab es bei uns nicht“, so die jetzt 79-Jährige.

Planwagen mit vier Familien

Es muss wohl morgens gegen 10 Uhr gewesen sein, als sich der Planwagen des Onkels mit den insgesamt vier Familien – das entsprach 17 Personen – in Bewegung setzt. Das Gefährt, beladen mit dem Allernotwendigsten, wurde von zwei hoch tragenden Pferden gezogen. Es ging nicht anders. Aber nicht alle können mit. Fünf ältere Männer und eine Frau bleiben im Dorf zurück. Nicht alle werden den Einmarsch der Russen überleben.

Unzählige Trecks kämpfen sich an diesem Samstag durch den Oderwald in Richtung Ohlau an die Oderbrücke. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Brücke in Kürze gesprengt werden sollte, um den Vormarsch der herannahenden Sowjet-Truppen aufzuhalten. Sie schaffen es – und weiter geht es nach Strehlen und Bolkenhain. Dort fohlen dann die beiden Pferde, kann sich Bettina Wolzenburg noch an das Chaos erinnern. Denn ihr Treck war mittlerweile mehrfach auseinander gerissen worden.

Die Fliehenden hatten bald kein echtes Ziel mehr. Es ging nur noch darum, der feindlichen Armee nicht in die Hände zu fallen. Die Angst vor den Russen in der Bevölkerung war gewaltig, schließlich hatte zuvor auch die Wehrmacht im Osten schwer gewütet.

Es war ein heilloses Durcheinander – aber die größte Katastrophe wartete erst noch auf die Flüchtenden. Und zwar im damaligen Trauten­au, dem so genannten Tor zum Riesengebirge, gelegen in der heutigen Tschechischen Republik. Dort werden die Scheidelwitzer von der Roten Armee praktisch eingeholt. Das ist ungefähr in jener Zeit, als das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert.

Aufzeichnungen angefertigt

Hubert Raabe hat Jahre später Aufzeichnungen angefertigt. Über die Situation am Kriegsende schreibt er: „ Der Einmarsch ging einher mir Totschlag, Vergewaltigungen und Verschleppungen. Es gab Gerüchte, dass Männer von den Frauen und Kindern getrennt werden, um sie in unterschiedliche Lager zu deportieren.“ Raabe schreibt aber auch, dass der Wahrheitsgehalt solcher Meldungen nicht zu überprüfen war.

Klar war allerdings, dass der Weg nach Westen von den russischen Verbänden blockiert war. Es blieb nichts anderes übrig, als die Treckwagen zu wenden – Richtung Norden, nach Albendorf. Einige Häuser waren dort angezündet worden, Möbel und Hausrat lag in den Vorgärten. Hier hatten die neuen Besatzer ihrem aufgestauten Hass auf schreckliche Weise Luft gemacht.

„Die deutsche Bevölkerung war zum Freiwild und zu Rechtlosen geworden“, schreibt Hubert Raabe weiter. Zudem ordneten die neuen Machthaber an, dass die Schlesier wieder zurück in ihre Ortschaften gehen müssen. Schon kurze Zeit später stoßen sie auf eine Gruppe bewaffneter Zivilisten, die ihnen das Handgepäck und die Fahrräder weg nehmen. Es waren vermutlich Tschechen. So etwas passiert noch öfter. Unterwegs sehen sie die Ruinen von in Brand geschossenen Häusern, umgekippte Treckwagen – und Leichen. Sowjetische Soldaten spannen ihnen die beiden mitgeführten Fohlen aus. Zwei Tage später müssen sie ihr gesamtes Hab und Gut im Gras aufbauen. Es waren Russen oder Polen, die den Scheidelwitzern einige ganz persönliche Sachen abnahmen – zudem noch Schmuckstücke, die sie bei Leibesvisitationen bei den Flüchtenden entdeckten.

Und das geht immer so weiter. Mehr als fünf Monate später erreichen die Flüchtenden über Grüningen und die Kreisstadt Brieg wieder die alte Heimat Scheidelwitz. Geblieben sind ihnen nach der Flucht nur ihre Betten auf den Treckwagen, ihre schmutzige Kleidung und die Unterwäsche. Das ist aber nicht das Schlimmste: Scheidelwitz war nicht wieder zu erkennen. „Alles ist vermüllt“, so Bettina Wolzenburg, die sich auch noch an das Datum erinnern kann. „Es war der Dienstag nach Pfingsten.“ Rot-Armisten haben viele der alten Leute gefoltert, um so an die geheimen Verstecke zu gelangen. Denn viele Schlesier hatten Wertvolles vor ihrer überstürzten Flucht vergraben.

Diese Eindrücke haben sich bei Bettina Wolzenburg bis heute eingebrannt. Zudem war der Familie Raabe auch ihre Existenzgrundlage genommen worden: Ihr Haus, das Kaufhaus Raabe, war durch einen Brand total zerstört worden. Auch der Verwesungsgeruch ist nicht auszuhalten. „In den Ställen lag verendetes Vieh, krepiert oder abgestochen und nicht verwertet“, hat Hubert Raabe in seinen Aufzeichnungen festgehalten.

Am 10. August 1946 werden die Flüchtlinge zu Vertriebenen. Der polnischen Bevölkerung waren bereits die Häuser der Scheidelwitzer zugewiesen worden. Auf so genannten polnischen Panjewagen ging es zum Sammellager in die ehemalige Kreisstadt Brieg – und von da aus mit Viehwagen in Richtung Westen. 20 Personen mussten sich einen Waggon teilen. Die Menschen, die östlich der Kirche gewohnt hatten, kamen nach Zittau – in die spätere DDR.

Nach einer Woche Siegen erreicht

Bettina Wolzenburg und ihr Vater Willi, Mutter Elisabeth und Bruder Willi erreichen mit weiteren rund 400 Scheidelwitzern nach etwa einer Woche Siegen. Per Bus wurde dann Berleburg angesteuert. Sehr gut kann sich Wolzenburg auch noch an die Verteilung der Vertriebenen erinnern. Die fand Anfang August auf dem Schulhof (heute Sparkasse) statt. Die Raabes fanden auf der Leimstruth eine neue Heimat. Und die alte Heimat? Die hat Bettina Wolzenburg insgesamt neunmal besucht. Dort hat sie auch eine polnische Freundin.

Viele Jahre existierte auch die „Vereinigung der Scheidelwitzer“, aber die meisten Teilnehmer sind mittlerweise verstorben. Oder können sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr einbringen. 28 Scheidelwitzer gibt es zurzeit noch in Wittgenstein – und einer wird einmal der letzte sein. Der Ort heißt heute übrigens Szydlowice.