Auf der Bühne fürs richtige Leben lernen

Wunderthausen/Hallenberg..  „Meine Haare halten nicht, kannst Du mal gucken?“ „Noch mehr Wimpern, oder reicht das so?“ „Kann mal einer das Mikro holen, das Kabel muss sitzen, bevor die Perücke drauf kommt.“ Christiane Kleinhof aus Wunderthausen und ihre Kolleginnen in der Maske der Freilichtbühne Hallenberg haben ihre Hände und Augen überall. Es ist noch früh am Morgen. 1100 Schüler und Lehrer tummeln sich bereits im Zuschauerraum, die Zeit drängt. Die Darsteller-Schlangen vor den Schminkstühlen in der Maske sind lang, aber trotzdem haben sowohl die Maskenbildnerinnen als auch die Schauspieler die Ruhe weg.

Tief in den Farbpott greifen

Christianes Töchter Maria (13) und Elena (16) Kleinhof haben beide das erste Mal im Jahr 2006 eine kleine Biene auf der Freilichtbühne dargestellt. „Wenn ich bei den Proben und Aufführungen sowieso auf die beiden warte, kann ich auch gleich mitmachen“ – war daraufhin Mama Christianes Gedanke. Seitdem sind alle drei dabei. Im letzten Jahr hat Christiane neben dem Schauspiel in der Maske ausgeholfen, diese Saison konzentriert sich komplett auf diesen Bereich.

Für jede Kinderstück-Aufführung gilt es, 80 Mitspielern mindestens die „Standardmaske“ aus Grundierung, Rouge, Lippenstift und Kajal­strich zu verpassen, viele wechseln zudem während des Stücks die Rollen und werden umgeschminkt. Richtig aufwändig sind das Schneewittchen und Königin Drusilla, die zwischendurch zur Hexe mutiert. Um beide möglichst ausdrucksvoll zu gestalten, „muss man ganz tief in den Farbpott“ greifen, wie Christiane lachend erzählt. Drusillas Krone ist heute kaputt. Kein Problem, Königin Mathilde tritt ihre ab, für sie wird schnell was Glitzerndes improvisiert.

Ein paar gezielte Griffe in die Ablage mit den unzähligen Farbkästen, Schwämmen, Pudertiegeln, Haarklammern, Pinseln und Spraydosen, ein kurzer Farbtest auf dem Handrücken und in nicht mal drei Minuten ist eine Maus oder die Standardmaske fertig. Die tanzenden Büsche werden wild toupiert, die „Spiegel“ gelb geschminkt, die Dienerinnen und Edeldamen haben wunderschöne Flechtzöpfe, teilweise mit Gänseblümchen geschmückt. Und tatsächlich, alle werden pünktlich fertig.

Maria spielte 2013 den „Wickie“

Besonders aufregend war für die Kleinhofs die Saison 2013, als Maria die Hauptrolle als unerschrockener „Wickie“ hatte. „Sie war schon von kleinauf begeistert von der Fernsehsendung und hat sich dann beim Casting durchgesetzt.“ Gelernt hat Maria ihre umfangreichen Texte bei den Proben, zuhause büffeln musste sie dafür nicht. Aber es sei schon eine anstrengende und aufregende Zeit gewesen, die ersten Lesungen begannen bereits im Januar. Ab April kommt dann „das Volk“ im Hintergrund hinzu, die letzten drei Wochen vor der Premiere ist fast täglich Probe von 17 bis 20 Uhr. Das bedeutet für die Kleinhofs, gleich nach Schulschluss nach Hallenberg zu fahren. Hausaufgaben müssen dann auch mal abends oder am Wochenende gemacht werden.

Als Augenoptikerin kann Christiane ihre Arbeitszeiten meistens passend machen: „Aber man ist froh, wenn es mit der Premiere endlich losgeht. Die 16 Aufführungen sind gegen die Proben die reinste Kür!“

Maria spielt in diesem Jahr eine Dienerin der Königin Drusilla. Ist es nicht komisch, wenn man einmal der Star war, um den sich alles drehte, anschließend nur eine kleine Rolle zu haben? „Nein“, ist sich Maria ganz sicher, „Wickie war toll, aber wegen der Schule ist es jetzt schon eine Erleichterung, nicht mehr so viel proben zu müssen.“ Lampenfieber kennt die Siebtklässlerin, die zusätzlich zur Bühne auch in Hallenberg im Mini-Orchester der Stadtkapelle Trompete spielt, kaum, selbst als Wickie war sie nur bei der Premiere nervös.

Keine Angst vor Schul-Referaten

Ihre große Schwester Elena verkörpert in „Schneewittchen“ gleich drei Rollen: Erst eine arrogante Edeldame, dann eine Dienerin und außerdem noch eine weitere Edeldame, die in einem tollen Schützenfestkleid tanzt. Besonders „cool“ findet sie ihre erste Figur: „Die ist genau wie viele jungen Mädchen von heute – eine richtige Tussi, die jedem Trend nachrennt und alles sofort haben will! Die Dienerin dagegen ist ganz bescheiden, da muss ich mich innerhalb kurzer Zeit umstellen. Ich würde auch gerne mal eine richtig böse Rolle spielen; die Drusilla ist mein absolutes Vorbild.“

Was reizt eine Sechzehnjährige an einem Hobby, das ganz anders ist als das, was ihre Schulkameradinnen in der Freizeit machen? „Mein Freundeskreis ist durch die Freilichtbühne viel breiter gefächert, normalerweise orientiert man sich von Wunderthausen aus ja eher nach Bad Berleburg und nicht nach Hallenberg. Aber da gehöre ich auch dazu.“ Außerdem hat sie in ihrer Klasse nie Angst vor Referaten: „Da hören doch nur 30 Leute zu statt bis zu 1400 wie auf der Bühne! Dieses Selbstbewusstsein hilft mir oft.“

Als Beispiel beschreibt sie, dass sie in „Wickie“ vor zwei Jahren ein bauchfreies Kostüm anziehen sollte und das zuerst unangenehm fand, weil sie ihre Figur für nicht gut genug hielt. „Aber ich habe gemerkt, dass solche Äußerlichkeiten nichts bedeuten. Es ist doch viel wichtiger, kein Mitläufer zu sein, sondern zu sich selbst zu stehen. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im richtigen Leben.“