„Auch die Amerikaner hatten wohl Angst, nicht nur wir.“

Bad Berleburg..  Bei Kriegsende war er sechs Jahre alt, berichtet der frühere Berleburger Kaufmann Ludwig Krämer. „Die Erlebnisse sind daher nur noch bruchstückhaft“ im Gedächtnis. Dennoch kann er sich noch gut an die letzten Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Berleburg im März 1945 erinnern. „Vor Oster zogen sich die deutschen Landser zurück über die Poststraße Richtung Winterberg. Es war spät abends, bestimmt so gegen 23 Uhr. Die Soldaten waren noch bei uns im Laden, wo ihnen meine Tante noch den letzten Tabak, der noch vorhanden war gab oder verlaufte. Am anderen Morgen fehlte uns dann ein hölzerner Kastenwagen, den wir beispielsweise bei der Kartoffelernte brauchten.“ Der Wagen hatte im Straßengraben gestanden, dort wo heute der Fußgängerüberweg am Johannes-Althusius-Gymnasium ist und die deutschen Soldaten hatten ihn als Transportmittel einfach mitgenommen.

Sammelstelle für Gefangene

Eine andere Erinnerung von Ludwig Krämer setzt kurz nach dem Abzug der Deutschen und dem Einmarsch der Amerikaner am 1. April ein. Die Amerikaner seien die Bismarckstraße herunter gekommen. „Beim vorhergehenden Beschuss hatte eine Granate auch unser Dach getroffen, aber nicht in Brand gesetzt.“ Im Laden der Krämers wurden Zivilgefangenen gesammelt. Vor der Theke standen so sieben, acht Männer. Hinter der Theke patroullierten zwei Amerikaner mit Maschinenpistolen. Einer von ihnen sei plötzlich mit den Wurst- und Käsemessern angekommen und habe sie in den Küchenschrank von Ludwig Krämers Mutter eineingeschlossen. „Auch die Amerikaner hatten wohl Angst, nicht nur wir.“ Wie groß das Misstrauen auch auf der Seite der befreieten Deutschen war, zeigt eine andere Episode: „Die Amerikaner waren sehr freundlich. Meiner Großmutter gaben sie eine Tasse ‘echten’ Kaffee. Die aber traute der Sache wohl nicht so ganz und schüttete ihn bei die Blumen.“

Bis zum Einmarsch der Amerikaner waren bei Krämers ein deutscher Soldaten einquartiert gewesen. Kurz bevor die US-Armee Berleburg eroberte, habe dieser sich aber zu Fuß in Richtung seiner Heimatstadt Lüdenscheid aufgemacht, „ausgestattet mit Wanderkarten meiner Tante“, berichtet Krämer.

Besonders intensiv sind die Erinnerungen des damals sechsjährigen auch an den Tieffliegerangriff auf den Berleburger Bahnhof, über den in dieser Zeitung auch schon die Zeitzeugin Waltraud Keune berichtet hat. Laut Ludwig Krämer wurden dabei eine ganze Reihe von Häusern in der Schulstraße (Schmiede Weller/Bald, Weller) und teils auch das Haus der Familie Müsse in der Straße unterm Höllscheidt getroffen und beschädigt.

Die Standuhr spielt wieder

Da die meisten Häuser in der Nachbarschaft nur oberirdische Keller hatten, „fanden sich viele Nachbarn bei Fliegernagriffen in unserem Kellern ein. Der lag teils in der Erde und mein Großvater hatte die Kellerdecke mit zusätzlichen Holzpfosten gegen ein Einstürzen gesichert.“ Vor die Kellerfenstern waren Kästen mit Steinen als Spliterschutz geszimmert worden. Die Befestigungsstellen für die Haustürverdunklung seien heute noch zu sehen. „Als der Luftangriff auf den Berleburger Bahnhof kam, hatte die Hitlerjugend eine Übung im Bereich des Marktplatzes. Ein Teil der Jungen suchte Schutz unter der Brücke. Einer aber wollte noch nach Hause laufen, klopfte dann aber bei uns ans Kellerfenster. Als die Bomben fielen, sprang er gerade bei uns zum Fenster rein. Den Luftzug spüre ich heute noch“, sagt Ludwig Krämer. Kurz darauf seien dann die Mutter und der Bruder des Hitlerjungen blutverschmiert die Kellertreppe herunter gekommen. Ihr Haus war getroffen worden. Später sei dann über dieses Haus erzählt worden, dass die Standuhr, die zuvor nie geschlagen haben soll, aus dem Trümmern ragte und „Üb’ immer Treu und Redlichkeit’“ gespielt haben soll.

Ostern 1945 hat Ludwig Krämer aber noch ein seltsames Geräusch gehört, dass ihn nach draußen gelockt hat. Um die Mittagszeit will Krämer eine der Wunderwaffen, einen der deutschen Düsenjäger gesehen haben. „Als Kinder haben wir uns immer erzählt, dass die Piloten auf dem Bauch liegen und ihnen durch die Geschwindigkeit die Nase bluten würde.“