Auch anderen meine Stimme geben

Was sind Sie für ein Typ: Tenor oder Bass, Sopran oder Alt? Es geht um die Stimme. In einem Chor zum Beispiel ist es wichtig, dass die Stimmen zusammen zum Klingen kommen. Dass sie auch zueinander passen. Es muss harmonisch sein, schiefe Zwischentöne passen da nicht rein. Und irgendwie lässt sich das System der Harmonie aus der Musik doch auch auf jede Form der Gemeinschaft übertragen. Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn die Harmonie stimmt.


Ach, das ist aber sehr idealistisch, ja fast naiv gedacht. Pure Harmonie gibt es doch nirgendwo, außer vielleicht in der Musik. Sie kennen bestimmt den Film „Wie im Himmel“. Er ist schon vor einigen Jahren ‘rausgekommen, aber – wie ich finde – immer noch das beste Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass zwischen Menschen, die etwas gemeinsam bewegen wollen, die Harmonie stimmen muss. Da kommt der berühmte Dirigent und macht aus einem kleinen Provinzkirchenchor ein wahrhaft künstlerisches Ensemble. Menschen unterschiedlichster Art finden zusammen und bringen ihre Stimmen zum Klingen. Sie wachsen zu einer Einheit zusammen und entwickeln eine Stärke, die sie nahezu jede Hürde nehmen lässt. Da wird die Chorgemeinschaft zu einer Gemeinschaft, die bei Problemen im Alltag helfen und tragen kann.


Aber auch diese Harmonie klingt nicht immer perfekt. An einem Abend zum Beispiel klappt es mit dem Singen überhaupt nicht. Die Töne wollen einfach nicht zusammen passen. Und wie löst der Dirigent das Problem? Er forscht danach, was die Harmonie an diesem Abend stört. Und es liegt nicht etwa daran, dass vielleicht ein paar Sänger erkältet sind oder die Stimmen nicht geölt sind. Nein, der Chor klingt nicht, weil es zu vieles gibt, dass den reinen Klang verhindert.


Die Sänger, jeder als Teil der Gruppe, nehmen beim anderen Miss-töne wahr und wollen sie ausräumen. In der Chorprobe eskaliert die Situation. Es gibt Streit. Aber danach stimmen die Töne wieder, die Harmonie ist wieder da.


Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn die Harmonie stimmt. Und damit die Harmonie stimmt, müssen wir aufmerksam sein. Wir müssen auf- und einander zuhören. Das ist gar nicht so einfach. Denn um den anderen richtig zu hören, muss ich mich für einen Moment ausschalten. Und das will ich ja vielleicht gar nicht. Dann hab‘ ich Sorge, dass ich vielleicht zu kurz komme. Dann müsste ich hinterher umso lauter tönen, damit ich wieder wahrgenommen werde…
Ja, die einzelnen Stimmen müssen aufeinander gut abgestimmt sein. Sonst läuft es in einer Gemeinschaft nicht rund. Es gibt viele Möglichkeiten für Gemeinschaft: Ein Leben lang oder auf Zeit, regelmäßig oder auch mal nur für einen Tag. Aber immer gelten die gleichen Regeln der Harmonie. Die hohen Töne müssen manchmal tiefer und umgekehrt, die leisen müssen manchmal kräftiger hervortreten und die lauten müssen sich gelegentlich zurücknehmen.


Und wenn es etwas gibt, das stört, dann muss ich darüber reden, weil sonst die Harmonie in Gefahr ist. Dann klingt es schief, die schrägen Töne nehmen Überhand – und dann ist auf einmal die ganze Gemeinschaft in Gefahr. Teil einer Gemeinschaft zu sein ist zuweilen auch anstrengend. Ich muss akzeptieren, dass die anderen genauso wichtig sind wie ich. Das passt einem auch schon mal nicht so gut.


Aber eigentlich überwiegen doch die Vorteile. Denn: In der Gemeinschaft erfahre ich Solidarität und Rückhalt in schwierigen Zeiten und Angelegenheiten. In Gemeinschaft profitiere ich von dem anderen und kann meine Gaben, meine Stimme für die anderen zur Verfügung stellen und einsetzen. Ich muss eben nur dazu bereit sein, meine Stimmlage gelegentlich zu überprüfen und anpassen zu wollen.
Pfarrerin Kerstin Grünert, Evangelische Kirchengemeinde Erndtebrück