Appell an die Menschlichkeit

Politpropaganda (Ausgabe vom 17. April). Seit fast einem Jahr arbeite ich mit meinem Kollegen in der Flüchtlings- und Asylbewerberunterkunft in Bad Berleburg am Spielacker und versorge die dortigen Menschen medizinisch. Es waren oft schwierige Zeiten, in denen es an Strukturen fehlte, die Rechtssicherheit der dort arbeitenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht gegeben war. Es kam zu körperlicher Gewalt und zu Situationen, die für uns Ärzte geradezu unerträglich waren.


Der Anspruch an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Unterkunft war von Anfang an sehr hoch, das bezog sich auf die Sozialarbeiter, die Mitarbeiter in der Küche, dem Reinigungspersonal, den Mitarbeiter in den Verwaltungsbereichen und den Sicherheitskräften. Ich konnte das große Engagement beobachten, das oft auch mit einer Empathie verbunden war, den traumatisierten Flüchtlingen gegenüber, dass mir die Worte fehlten, dies zu würdigen. Die Mitarbeiter/innen in den örtlichen Verwaltungen, den ehrenamtlichen Helfern gehört unser Dank, jene, die ohne politische Gesinnung sondern als Menschen entschieden zupackten, dazu beitrugen und beitragen, dass sich die Menschen in der Unterkunft wohl fühlen.


Der Leserbrief des Herrn Bald straft das Verhalten all dieser hilfreichen Menschen ab und bezeichnet dies, was wir möglicherweise und vielleicht fälschlicherweise als Willkommenskultur bezeichnen, ab. Damit versucht er einen Keil dort hinein zu treiben, wo rechtspopulistische Stimmen laut werden könnten, wo Fremdenfeindlichkeit seine Wurzeln hat. Man muss nicht praktizierender Christ sein oder einer anderen Religion angehören, um festzustellen, dass es zu unserer humanistischen Kultur und Bildung gehört, jenen zu helfen, die Hilfe so dringend benötigen. Ich lade Herrn Bald ein, sich die Leiden derer anzuhören, die in der Unterkunft ankommen, die das Zuhause, ihre Familie und ihre Freunde verlassen mussten, um nicht ihr Leben oder das ihrer Familie zu gefährden. Lassen Sie diesen Besen, den Sie rufen, in seiner Kammer. Er hat schon vor jetzt 70 Jahren so unheilvoll gekehrt. Ich appelliere vielmehr an ihre Menschlichkeit, an Ihr Mitleid und heißen Sie jene willkommen, die gerade jetzt so dringend unsere Hilfe benötigen. Ach so Herr Bald, es wurden in Bad Berleburg über 50 Arbeitsplätze geschaffen, es wird neuer Konsum verursacht, jene, die später einmal hier bleiben dürfen, werden Ihre und die Rente von uns bezahlen.
Dr. med. Holger Finkernagel
Bad Berleburg