Ärzte kritisieren Zulassung auf Zeit

Siegerland..  Die Forderung der gesetzlichen Krankenkassen, ärztliche Zulassungen nur noch auf Zeit zu vergeben, stößt bei den Ärzten in der Region auf Ablehnung. Mit diesem Vorstoß wollen die Kassen dem Ärztemangel in ländlichen Regionen zu Leibe rücken. Wenn das Recht, mit einer gesetzlichen Krankenkasse abrechnen zu können, nur auf Zeit vergeben werde, könne die Verteilung der Mediziner besser gesteuert und die Überversorgung in den Städten abgebaut werden, so Doris Pfeiffer, Vorstands-Chefin des Spitzenverbands der Krankenkassen in der Berliner Zeitung.

„Aus Ärztesicht ist das mit Vorsicht zu genießen“, sagt Christopher Schneider, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Die Idee, eine Zulassung in einer Stadt erst zu ermöglichen, wenn ein Mediziner eine gewisse Zeit als Landarzt abgeleistet habe, sei kontraproduktiv für Patienten, Mitarbeiter, für die Region selber.

„Wenn man sich niederlässt denkt man nicht in Zeiträumen von wenigen Jahren, sondern in Jahrzehnten“, sagt Schneider. Eine Praxis müsse wirtschaftlich geführt werden, Patienten konstant versorgt, Mitarbeitern eine berufliche Perspektive geboten werden. „Ärztliche Wanderratten sind da nicht förderlich.“

Zumal die angebliche Überversorgung in den Ballungsräumen zwar statistisch gegeben sei, an der Realität und der tatsächlichen Versorgung aber vorbeigehe: Laut Bedarfsplanung sind zwar in vielen Städten mehr Ärzte niedergelassen als erforderlich, das heißt aber nicht, dass grundsätzlich Praxen überzählig sind. Vielmehr fangen viele Ärzte Pendler auf, die aus dem Umland in die Ballungsräume pendeln und angrenzende Regionen quasi mitversorgen.

Statt einem gestörten Arzt-Patienten-Verhältnis – der Mediziner reißt seine Jahre ab und möchte so schnell wie möglich wieder weg – liege es vielmehr im Interesse aller Beteiligten, die Attraktivität des ländlichen Raums zu steigern beziehungsweise dem Arzt diese aufzuzeigen. „Man kann gegen die Mentalität der jüngeren Generation keinen goldenen Hebel umlegen“, sagt Schneider. Es gelte, Anreize zu setzen, dass Nachwuchsmediziner den Weg aufs Land nicht scheuen.

Zum einen wäre das die Abschaffung des NC, der Zugangsbeschränkung zur Hochschule. „Jemand mit einem Abi von 3,0 kann genauso ein guter Arzt in Burbach oder Siegen werden“, sagt Schneider. Zum anderen ist die finanzielle Förderung ein wichtiger Baustein in der Strategie, wie sie der Kreis Siegen-Wittgenstein beispielsweise mit seinen Stipendien für junge Ärzte ausschreibt. Wenn man sie quasi ins gemachte Nest setzt, treten auch „Klebeeffekte“ auf: Die Mediziner merken, dass es sich nicht nur in den großen Städten gut praktizieren und leben lässt.

Bürokratieaufwand befürchtet

Für Dr. Michael Klock, Vorsitzender des Siegener Ärztevereins, fehlt dabei derzeit noch die langfristige Perspektive. Die Forderung der Kassen hält er für abwegig. „Das wäre ja Zwang. Dadurch gingen nur noch mehr junge Ärzte ins Ausland“, sagt er. Der Allgemeinmediziner, der auch an der Ruhr-Uni in Bochum lehrt, hat Kontakt zu angehenden Medizinern. Er sieht die Probleme in der Bürokratie und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Wir wollen Menschen behandeln, nicht Papiere.“