Abenteuerliche Reise für einen Koffer Wolle

Dotzlar..  Elfriede Born ist über 96 Jahre alt und lebt heute bei ihrem Sohn Edgar in Hamm. Das Kriegsende und das Ende des Dritten Reiches hat die Dotzlarerin miterlebt. Zwei ihrer Brüder fielen im Krieg und ihre Tante kam samt ihren vier Kindern bei einem Bombenangriff auf Kassel ums Leben.

Born berichtet über das Leben direkt nach Kriegsende: „Der Alltag mit Sorgen war eingekehrt. Unser Haus war schwer beschädigt worden beim Kampf um Dotzlar. Die Wand von zwei Schlafzimmern war kaputt. Man konnte in die Scheune gucken.“ Elfriede Borns Vater hatte Glück und konnte beim Bauunternehmer Klingspor in Berleburg Zement und Ziegel bekommen. „Ich weiß es nicht, wie er es fertig bekommen hat. Ich selbst habe alles in Berleburg geholt mit Kühen und Wagen (...) und schon war die Wand wieder ganz.“

Ohne Passierschein geht gar nichts

Aber Borns hatten auch keinen Kleiderschrank mehr. Der war kaputtgeschossen worden. „In dieser Zeit ging die Tauscherei los.“ Ein Onkel wohnte im hessischen Rosenthal und war Schäfer. „Die Schafschur war Ende Mai gewesen und wir dachten: Hätten wir jetzt Wolle, man könnt etwas tauschen. Wolle gibt nach der Verarbeitung Garn und das war in dieser Zeit viel wert.“ In Rosenthal war auch eine Mühle. Ab und zu fuhr der Berleburger Fuhrunternehmer Leser mit seinem Lastwagen dorthin um Säcke mit Haferflocken für die Geschäfte zu holen. Der Lastwagen sollte Elfriede Born mitnehmen. Doch so einfach war das damals nicht. Berleburg lag in der britischen, Hessen war amerikanische Besatzungszone. Die Dotzlarerin ging zur Kommandantur: „Ich brauchte eine Bescheinigung, denn Hessen war ja ein anderes Land. Aber die sagten dort zu mir. Ich bräuchte das nicht und könnte mitfahren.“ Das war falsch. „Die erste Kontrolle war in Hatzfeld. Da war noch alles gut. Die zweite Kontrolle war bei Ernsthausen und dort musste ich aus dem Auto raus. Jetzt stand ich da mit meinem Koffer und es konnte mir keiner helfen.“ Zu Fuß machte sich die junge Frau auf und die Freude ist groß, als sie das Haus des Onkels erreicht. Die Tante füllte den Koffer mit Wolle und mit Lesers Lastwagen ging es dann zurück.

Auf der Rückfahrt war Elfriede Born dann nicht allein. Sie lasen einen ehemaligen Soldaten auf, der sich nach dem Krieg nach Hause durchschlagen wollte und einen Älteren, der Verwandte in Sassenhausen besuchen wollte. Alle ohne Passierschein. Sie versteckten sich hinter den Säcken und die Amerikaner entdeckten sie diesmal nicht. Zu Hause gewährten die Borns dem früheren Soldaten ein Nachtlager, bevor er am Morgen weiterzog. „Er hat uns seinen Namen nicht gesagt und wir haben auch nicht gefragt. An diesen Mann habe ich oft gedacht. Ist er wohl nach Hause gekommen?“