Wie Tausendfüßler laufen die Finger über die Gitarrenseiten

Olpe..  „Wissen Sie, warum Gitarristen wenig üben? – Sie verbringen die meiste Zeit mit dem Stimmen ihrer Instrumente“: Mit Schalk im Nacken moderierte Simon Kletinitch das „Gitarrenkonzert“ im Alten Lyzeum, mit dem er und sein Kollege Alexander Rengach als Duo „Expression“ die vielen Zuhörer dort begeisterte.

Über vier Jahrhunderte spannten die beiden den musikalischen Bogen und gaben so einen Einblick in die Variations- und Ausdrucksfähigkeit der Gitarre, die häufig mangels Originalliteratur auf Bearbeitungen zurückgreifen muss. Das ruhig-melodische „Welcome Home“ des englischen Komponisten und Lautenspielers John Dowland (1563 – 1626) lud zum Innehalten ein, zum Träumen mit offenen Augen. Obwohl die Gitarre als Nationalinstrument der Spanier gilt, komponierte der vom Walzertakt begeisterte Spanier Enrique Granados (1867 – 1916) für Klavier.

Die zehn kleinen „Valses Poétiques“ kamen mal flott und beschwingt daher, schelmisch und virtuos oder auch fast schon sentimental, mit wunderbarer Zartheit im Anschlag.

„Wir spielen zwei coole Dinger“: So kündigte Kletinitch die russischen Lieder des 1970 geborenen Freundes Konstantin Vassiliew an. Recht erregend war „Vision“, während „Dance of the Skomorokhs“, ein rhythmisch-verschmitztes Straßenmusikerstück, begeisterten Beifall erhielt.

Vier Jahreszeiten

Zum Nachdenken lud Segio Assads (geb. 1952) ruhiges „Farewell“ ein, während die Erinnerungen an Alhambra („Recuerdos de la Alhambra“) von Francisco Tarrega (1852 – 1909) sich nach deutlich mehr als zwei Gitarren anhörten.

Wie Tausendfüßler liefen Alexander Rengachs Finger bei den Tremoli über die Saiten, verbanden sich mit dem wunderschönen Klangteppich aus Kletinichs Gitarre zu einem faszinierenden Ganzen. Den krönenden Abschluss, vor Joao Pernambucos leichtgewichtigem „Glockenklänge“ als Zugabe, machten „Cuatro Estaciones Portenas“ (Vier Jahreszeiten) von Tangokönig Astor Piazzolla (1921-1992).

Gar nicht melancholisch war der „Herbst“, sondern fuhr mit typischem Piazzolla-Rhythmus in die Beine, während die klirrende Winterkälte regelrecht hörbar wurde; dem lieblichen Frühling folgte schließlich in warmen Klangfarben der Sommer. Dabei zeichneten sich alle Jahreszeiten durch die dem Komponisten typischen Wendungen und Synkopen, überraschenden Brüchen und eben diesem unverwechselbaren Tangorhythmus aus. Ganz groß war denn auch der Applaus für das insgesamt begeisternde Konzert.