Wenn Nüsse taub sind

Wahrscheinlich werden manche Damen und Herren der Leserschaft denken, jetzt ist der Kerl aber wirklich verrückt. Und vielleicht sind auch manche darunter, die denken: Wie kann einer nur so doof sein und so eine unsinnige Behauptung aufstellen! Hier muss ich etwas beichten. Aber es ist wieder einmal das Plattdeutsche, das mich zu dieser unsinnigen Feststellung verleitet hat.


Das Wort „taub“ hat nämlich noch eine andere Bedeutung als nur „gehörlos“, und die hat der Hännes erfahren, als er sich ein paar schöne Haselnüsse einverleiben will. Er knackt die erste Nuss – die Schale zerspringt – nichts drin! Bei der zweiten und dritten geht es ihm ebenso. Da wird Hännes ungeduldig, wirft den Nussknacker auf Seite und schreit: „Duënnerknispel, sind denn doi Nüette alle däof?“ („Donnerwetter, sind denn die Nüsse alle taub?“) Mit einer tauben Nuss ist nichts weiter gemeint als eine, in deren Schale nichts steckt. Das Wort „taub“ hat neben der Bedeutung „ohne Gehör“ auch noch eine zweite: „leer“.


Fritzken hat den Hännes schimpfen hören und gibt ihm den Rat: „Weißt du was, mal dir doch ein paar schöne, bunte Nüsse, die sind bestimmt nicht leer!“ Hännes kann jetzt aber keinen Spaß verstehen, blafft Fritzken an: „Däowe Nuëtt, hall’t Miul!“ und greift wieder zum Nussknacker. Er hebt ihn hoch, macht Miene, ihn nach Fritzken zu werfen, und bölkt, dass die Wände beben, und das auch noch auf Hochdeutsch: „Du doofen Hund, wenn du nicht sofort weg bist, dann weiß ich nicht, was ich tu!“


Fritzken hat aber ein dickes Fell. Er tut erstaunt: „Kinners un de Katten, du kannst ja Hochdeutsch!“ Hännes will sich schon auf Fritzken stürzen, da sagt der: „Aber ein plattdeutsches Wort ist dringeblieben.“ Hännes bleibt stehen und guckt Fritzken an wie ein Auto. Worauf der sagt: „Na ja, ich meine das Wort „doof“. Das ist nämlich kein Hochdeutsch, das ist Platt, wenn auch kein sauerländer Platt. Hör zu, Hännes: Eine doofe Nuss ist ne leere Nuss. Und einer, der Blödsinn macht, bei dem ist der Kopf leer, taub, doof wie bei einer tauben Nuss. Dieses „doof“, das haben wir aus dem plattdeutschen Norden übernommen: Da gibt’s ne doowe Grotmudder, das ist ne taube Großmutter, doowe Nööt, das sind taube Nüsse, und doowe Lüd, das sind taube Leute. Und dieses „doof“ haben wir sogar im Hochdeutschen übernommen, meinen damit aber nur denjenigen, der dumm ist und/oder Blödsinn treibt, und nicht gehörlose Leute. Deshalb sprechen wir im Plattdeutschen von einer „däowen Gräoßmömme“, von einer „däowen Nuëtt“, von „däowen Luien“ wenn wir meinen, dass diese Leute taub sind, aber von einem „doofen Keerl“, wenn wir meinen, dass der sie nicht alle auf der Latte hat.“


Hännes verzieht das Gesicht, aber auf Fritzken losgehen kann er nicht, weil der ganz anständig geblieben ist und ihm dazu noch ein schlagkräftiges Argument geliefert hat. Aber noch jemand zweites ist da, der dem Fritzken Paroli bieten will. Es ist Kaspar, der seinem Namen übrigens alle Ehre macht, denn wo er auftritt, ist immer Kasperle-Theater. Und er behauptet: „Du bist ja doof, Fritzken! „Doof“, das müsste eigentlich d.o.v. (de-o-vau) geschrieben werden, denn das ist eine Abkürzung zu: dauernd ohne Verstand.“