Tagebuch eines Esels

Kreis Olpe..  Thommes-Iesel: Dieses Tier gibt es nur einmal im Jahr in Westfalen, und das nicht einmal überall. Einige Orte des Sauerlandes kennen den Thomas-Esel – so heißt das Tier auf hochdeutsch, an anderen Stellen ist er unbekannt. Und – genau genommen, ist das gar kein Tier, sondern – ein Mensch. Hinter dem Thomas-Esel verbirgt sich ein Brauch, der eher lustige Züge hat, für den Betroffenen aber in den meisten Fällen gar nicht lustig ist.

Den Thomas-Esel gibt es übrigens nur am 21. Dezember, am kürzesten Tag des Jahres. Aber das ist wahrscheinlich nur zufällig; Denn vor der Liturgiereform in den sechziger Jahren fiel der Festtag des Apostels Thomas auf den 21. Dezember. Die Theologen haben ihn von dort auf den 3. Juli verlegt.

Heu und Wasser für Langschläfer

Am (alten) Thomastag kommen die Langschläfer nicht gut weg. Wer nämlich als Letzter der Familie aus dem Bett kommt, oder wer bei den Kollegen als Letzter ankommt, auch wenn ein Schulkind als Letztes in seine Klasse kommt, der ist der Thomas-Esel. Der Arme verliert seinen eigentlichen Namen, und er muss sich für den Rest des Tages „Thomas-Esel“ oder auf Platt: „Thommes-Iesel“ rufen lassen.

Dann kann die Mutter beim Mittagessen fragen: „Na, Thommes-Iesel, schmacket’t nit?“, und die große Schwester meint: „Och, dat is doch luter sou, Thommes-Iesel maket ens wier lange Tiahne. (Och, das ist doch immer so, der Thomas-Esel macht mal wieder lange Zähne.)“ Und der arme Junge, in dessen Familie Olper Platt gesprochen wird, braucht gar nicht zu glauben, dass ihn an diesem Tage auch nur ein Familienmitglied anders nennen wird als „Thomas-Esel“.

Neue Würden werden meist in einer kleinen Feierstunde verliehen. So ergeht es auch dem Thomas-Esel: Sowie er aus dem Bett, in der Schule oder am Arbeitsplatz ist, bekommt er eine Schüssel mit Wasser vorgesetzt und ein wenig Stroh oder Heu dabei (in unserer technisierten Welt tun’s auch Strohhalme). Und dabei bekommt er mancherorts ein kleines Lied gesungen, das in der Mundart meines Heimatortes Langendreer so lautete: „Thommes-Iesel, Thommes-Iesel! Wörste äher opgestohn, dann hä di dat nich läid gedohn! Niegen Uhr was längs vörbi, Thommes-Iesel was noch nich hi! (Thomas-Esel, Thomas-Esel! Wärst du eher aufgestanden, dann hätte dir das nicht leid getan! Neun Uhr war längst vorbei, Thomas-Esel war noch nicht hier!)“

Auch im Rheinland vertreten

Vielleicht fragen jetzt einige Leser, wie kann der Kerl denn mit Langendreerer Mundart kommen! – Der Brauch des Thomas-Esels ist nicht auf das Sauerland beschränkt, er findet sich in vielen Orten Westfalens wieder, und sogar für das Rheinland wird dieser Brauch vielerorts belegt, wie man im Rheinischen Wörterbuch nachlesen kann.

Es kommt auch vor, dass manche Leute mit den Kindern Mitleid haben und ihnen den Spott des Thomas-Esels ersparen wollen. So hat mir eine Frau berichtet, dass ihre Großmutter bereitwillig im Bett blieb, bis alle anderen heraus waren. Die Frau und ihre Geschwister waren heilfroh darüber, und die Oma (er)trug ihre Würde mit einem feinen Lächeln.

Wodan und das achtbeinige Pferd

Oben wurde schon erwähnt, dass der Thommes-Iesel Heu und Wasser zur Begrüßung vorgesetzt bekommt. Das kann auf einem Brauch unserer Voreltern beruhen, die noch nicht an die Dreifaltigkeit glaubten, sondern an Wodan und die übrigen germanischen Götter. Die Leute glaubten, wenn es im Winter stürmt und rast, dass dann der Gott Wodan auf seinem achtbeinigen Pferd sitzt und am Himmel durch die Gegend saust. Um ihn gnädig zu stimmen, damit er keinen Schaden anrichtet, setzten die Leute Gefäße mit Wasser und Heu vor die Tür, damit sich Wodans Pferd damit erfrischen könne. Vermutlich ist dieser Brauch in das Brauchtum des Thomas-Esels aufgenommen, und nicht nur da, sondern auch an anderen Stellen. Doch davon später mehr.

„Leck sin nit bange, dat ieck Thommes-Iesel weren könn. Kann gar nit passeiern. Ieck wuenne niämlick alleine.“

Das heißt auf Hochdeutsch:

„Ich bin nicht bange, dass ich Thomas-Esel werden könnte. Kann gar nicht passieren. Ich wohne nämlich allein.“