So ein totes Tier

Viktor Verbalis hat mit Eulenspiegel eines gemeinsam: Er nimmt vieles wörtlich, und das führt oft zu missverständlichen Situationen. Wer es gar nicht mit ihm kann, ist Paula. Sobald sie ihn sieht, käfft sie ihn an, und wenn sie ihm einen üblen Streich spielen kann, dann tut sie das mit Wonne.


Einmal ging Viktor in den kleinen Laden am Ort. Der war so eingerichtet, dass man sich das meiste selbst aus dem Regal nehmen konnte, nur Wurst und Käse musste man sich hinten an der Theke holen. Seine große Einkaufstasche hatte er auf den Boden gestellt, und er suchte sich noch Waren aus. Da hörte er auch schon die schräbbelige Stimme von Paula – und kurz darauf merkte er, dass sich jemand hinter ihm zu schaffen machte. Er bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Paula ihm ein Paket Kaffee – gar nicht so preiswerten – in seine Einkaufstasche schob. Blitzschnell drehte er sich um, und dann blaffte er sie an: „Du verdammtes totes Tier, willst du mich auch noch als Dieb dahinstellen?“ Paula wich erschrocken mit dem Kaffeepaket zurück – eines hatte sie völlig unsicher gemacht, nämlich das „tote Tier“.


Schließlich ließ sich der Ladeninhaber blicken, der mit Viktor gut Freund war, und dem erzählte er alles. Zum Schluss seines Berichtes stöhnte er noch: „Sau en Oos! (So ein Aas!)“


Warum hatte Viktor die Paula als „totes Tier“ ausgeschimpft? Ein totes Tier wird mit einer speziellen Bezeichnung bedacht: Aas. Dieses Wort wird aber auch als Schimpfwort für üble Zeitgenossen gebraucht, und beim Bericht vor dem Ladeninhaber hatte Viktor dies ja auch gesagt: „So ein Aas!“


Mit dem Aas ist das so eine Sache. Ursprünglich war das Aas gar kein totes Tier, sondern ein – essbares Tier. Das Wort Aas, plattdeutsch Oos, ist nämlich mit dem Wort essen verwandt, plattdeutsch iäten. Also war das Aas etwas Essbares. Aber das Wort bekam dann noch eine andere schlechte Bedeutung, nämlich die des nicht essbaren Tieres. Und diese schlechte Bedeutung blieb zum Schluss allein übrig – man spricht dann davon, dass das Wort „Aas“ eine Bedeutungs-Verschlechterung erfahren hat. Und so dient es heute auch als grobes Schimpfwort, plattdeutsch wie hochdeutsch.


Eine Ableitung von plattdeutsch „Oos“ hat sich aber mit positiver Wortbedeutung erhalten. So hat der Klapperstorch vor kurzem die Elise ins Bein gebissen, und Vater Hermann kann sich an der kleinen Lisbeth nicht satt sehen: „Elise, nöü suih doch mol, wat is dat en leif Öösken, uëse Lisbeth, saun’n richtigen Wonneproppen! (Elise, nun schau doch mal, was ist das für ein liebes ‚Öösken’, unsere Lisbeth, so ein richtiger Wonneproppen!)“. Im Hochdeutschen hat „Öösken“ keine wörtliche Entsprechung, der Vergleich „kleines Aas“ als wörtliche Übersetzung passt überhaupt nicht.


Zu „Oos“ gibt es noch im Plattdeutschen die Ableitung ösig, die keine hochdeutsche Entsprechung hat. Ein ösiger Sauerländer ist böse, wütend. Man kann sich die Bedeutungs-Entwicklung ungefähr so vorstellen: Ein totes Tier, ein Aas, stinkt. Der Ösige „stinkt“ vor Wut.


In den plattdeutschen Mundarten nördlich des Sauerlandes können sogar Dinge oder auch das Wetter ösig sein. Die Leserinnen mit Namen Paula brauchen nicht ösig zu werden: Keine von ihnen ist mit jener Paula gemeint, die dem Viktor so mitgespielt hat.