Sich in der Musik wiederfinden

Beim Tanzcafé wurde nach erstem Zögern das Tanzbein geschwungen.
Beim Tanzcafé wurde nach erstem Zögern das Tanzbein geschwungen.
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Was wir bereits wissen
„Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein“ schallt der alte Gassenhauer von Conny Froboess aus dem Lautsprecher. Musik von damals.

Attendorn..  „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein“ schallt der alte Gassenhauer von Conny Froboess aus dem Lautsprecher. Musik von damals.

Am Tisch im Caritas-Tagwerk-Gebäude im Schüldernhof sitzen fünf Paare und zwei Frauen. Sie reden ein wenig, wippen mit den Füßen im Takt der Musik und summen auch schon mal mit. Es sind die Lieder aus der Zeit, als sie jung waren, als sie ganz normale Paare waren wie viele andere auch. Heute ist alles anders. Einer der Partner hat Demenz. Im Leben ist nichts mehr wie es war. Namen und Gesichter sind vergessen, Alltäglichkeiten oftmals schon lange. Doch die Musik ist irgendwie hängen geblieben.

Der geschützte Raum

„Musik ist in vielen Gehirnbereichen gespeichert und bleibt daher oft lange in Erinnerung“, weiß Marion Schultz, Altenpflegerin mit gerontopsychiatrischer Ausbildung im Caritas-Zentrum Attendorn. Im Rahmen ihres Projektes „Ambulantes Angebot für Angehörige im Umgang mit Menschen mit Demenz“ hat sie im vergangenen Jahr eine angeleitete Gruppe für Angehörige, die einen an Demenz erkrankten Menschen begleiten, ins Leben rufen. Die Resonanz ist groß.

Viele Angehörige sind froh über den geschützten Raum, in dem sie sich austauschen können mit Menschen, die ebenfalls betroffen sind. „Da muss man nicht immer alles erklären“, weiß eine Ehefrau, „Denen geht es oft genauso wie mir. Die verstehen mich.“

Dieses Angebot will Marion Schultz nun erweitern und hat zum ersten Mal zu einem Tanzcafé eingeladen, inklusive Partner. „Wir haben im Haus Mutter Anna damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Die lockere Atmosphäre tut allen gut und lässt auch wieder Fröhlichkeit ins Leben kommen“, so die Fachfrau. Auch hier gibt ihr der Erfolg Recht. Ein Duzend Teilnehmer sind für das erste Mal eine hervorragende Resonanz.

In lockerer Runde

Um sich ein wenig kennen zu lernen, gibt es zunächst eine lockere Runde. Wer möchte, kann ein Bier oder Radler trinken - und dann geht es auf die Tanzfläche. Wer nun Demenz hat, ist hier nicht mehr zu unterscheiden. Auf der Tanzfläche sind es nur Menschen, die sich zu zweit im Tanzschritt bewegen, die sich zu dritt oder viert an den Händen fassen, schunkeln, tanzen und einfach Spaß haben.

Manche wissen nicht mehr den Namen ihres Tanzpartners, können aber noch einzelne Zeilen aus den Klassikern von damals mitsingen. „Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da…“.

Ein stark demenziell veränderter Mann, der 34 Jahre lang nicht mehr mit seiner Frau getanzt hat, steht plötzlich auf und fordert seine Frau zum Tanzen auf. Sie kann es im ersten Moment gar nicht glauben und strahlt über das ganze Gesicht. Für eine kurze Zeit ist die Demenz nicht mehr so wichtig, der oft mühe- und leidvolle Alltag bleibt zurück. „Es geht darum, sich und den Partner in der Musik wiederzufinden, die einander verbindet. Dazu kommt, dass die Bewegung gut tut und glücklich macht“, freut sich Marion Schultz über den Erfolg ihrer Premiere.