Schauern und Schauern

Wer nun glaubt, ich will etwas von Regenschauern erzählen, liegt nicht so ganz falsch. Es war ein herrlicher Sommermorgen. So konnten die Leute bei strahlendem Sonnenschein ihre Wanderung anfangen. Aber es heißt ja: Wenn man einen Schirm dabei hat, dann gibt’s keinen Regen, und wenn man keinen dabei hat, dann regnet’s erst recht.


So erging es den Wanderern auch. Zum Glück hatten sie gerade eine Waldhütte erreicht, da mussten sie den lang anhaltenden Regenguss abwarten. Aber zum Mittagessen kamen sie zwei Stunden zu spät! Die Gastwirtin fragte recht barsch: „Na, was für eine dumme Entschuldigung haben Sie denn? Meinen Sie, wir können das Essen stundenlang warm halten?“ Einer der Wanderer fiel der verärgerten Dame ins Wort: „Meine Güte, wir sind in den starken Regen gekommen, da blieb uns nichts anderes über als zu schauern.“ Weiter kam der Hännes nicht. „Das glaube ich, schauern! Von innen, die Kehle, ja? Und der Schauer bestand wohl aus Alkohol, wie?“


„Nein,“ rief Hännes wieder, so’n Schauer mein’ ich nicht! Wir mussten in einer Waldhütte den starken Regen abwarten.“ Die Frau, die nicht aus dem Sauerland stammte, ranzte den Hännes wieder an: „Ach, und dann erzählen Sie was von schauern. Da haben Sie sich verpappelt; die vielen Bierchen haben wohl die pünktliche Ankunft verhindert!“


Die Frau drehte sich abrupt um und ließ die Wanderer stehen. Sie mussten mit leerem Magen kilometerweit weiterlaufen, bis sie eine andere Gaststätte fanden und da endlich etwas zwischen die Zähne bekamen.


Hier war das Klima ganz anders. Der Wirt merkte, dass die Männer ziemlich abgespannt und müde waren und fragte nach dem Grund. Sofort meldete sich der Hännes: „Heute morgen kam doch der starke Regen, da mussten wir ne lange Zeit schauern. Aber das Weibsbild in der Kneipe von Dingshausen versteht ja kein Deutsch, die meinte, wir hätten unseren Kehlen Alkoholschauer gegeben.“ Hännes konnte nicht weiter erzählen, der Wirt platzte bald vor Lachen.


Wenn jemand „schauert“, dann stellt er sich unter, das heißt: Er sucht Schutz vor Regen oder Unwetter. Dieses „schauern“ ist eine Ableitung von einem altgermanischen Wort skūr (mit langem u, deshalb der Strich darüber), das soviel wie „Obdach, Schutz“ bedeutet. Das Wort existiert heute noch als „Schauer“ und bedeutet „Wetterdach“. Es steht sogar im Duden, ist aber heute umgangssprachlich weitgehend unbekannt. Es gibt noch andere Wörter, die mit diesem „Schauer“ und dem sauer­ländisch umgangssprachlichen „schauern“ urverwandt sind: Eines davon ist die Scheune, denn in ihr wird das Getreide „untergestellt“.


Der Regen-„Schauer“ klingt zwar genauso wie der Wetterdach-„Schauer“, aber die beiden sind auch von der Herkunft zwei völlig verschiedene Wörter.


Alsau, wann iëck in’n Schöüer kumme, dann well iëck awwer auk schöüern, un süs weer’k jo kladdernaat. Also, wenn ich in einen Regenschauer komme, dann will ich mich auch unterstellen, sonst werde ich ja klatschnass.