Neue Heimat im Sauerland gefunden

Kandar Segar arbeitet seit 25 Jahren in der Konditorei-Abteilung der Bäckerei Hesse
Kandar Segar arbeitet seit 25 Jahren in der Konditorei-Abteilung der Bäckerei Hesse
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Geflüchtet sind Karthy Sivarajah und sein Freund Kandar Segar schon 1985 aus ihrer Heimat Sri Lanka. In Heinsberg fanden sie vorübergehend eine neue Heimat, arbeiten jetzt bereits seit 25 Jahren in der Bäckerei Hesse in Welschen Ennest.

Welschen Ennest..  Sie kennen sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in Sri Lanka. Karthy Sivarajah und Kandar Segar. 1985 flohen sie angesichts der nicht enden wollenden Bürgerkriege nach Deutschland, erhielten Asyl. „In unserer Heimat lebten wir in ständiger Angst. Willkür waren an der Tagesordnung“, berichtet Segar (54).

Von Berlin ging’s zunächst in ein Lager für Asylbewerber in Frankfurt. „Da waren viele Nationalitäten“, erinnert sich Sivarajah (51). Von der Main-Metropole führte sie der Weg ins Sauerland, wo sie zunächst in Heinsberg unterkamen. Durch Deutschkurse in Meggen wurden die gravierenden Sprachbarrieren verringert. Schließlich fanden sie Arbeit in der Bäckerei Hesse in Welschen Ennest.

Verständigungsprobleme zu Beginn

Inhaber Reinhard Hesse blickt zurück: „Vor rund 25 Jahren verlagerten wir unsere Backstube aus dem Ort Welschen-Ennest in das Gewerbegebiet in der Welsmicke. Das Unternehmen expandierte, zusätzliche Mitarbeiter wurden benötigt. Da ergab sich der Kontakt zu den beiden Tamilen.“ Der Start in dien neuen Beruf – Sivarajah war eigentlich gelernter Drucker – war von Verständigungsproblemen begleitet. Konditormeister Peter Kramer kann im Rückblick auf das Jahr 1990 schmunzeln: „Wir haben mit Händen und Füßen geredet, teilweise hat eine Dolmetscherin helfen müssen.“ Schnell arbeiteten sich die beiden Tamilen in die neuen Aufgaben ein. Eine immense Vielfalt neuer Erfahrungen stürzte auf die Freunde ein. Doch ebenso groß wie ihre Bereitschaft, etwas zu lernen, war das Bestreben der neuen Kolleginnen und Kollegen, den „Neuen“ den Start zu erleichtern.

Hesse: „Die heute so vollmundig propagierte Integration wurde bereits vor 25 Jahren bei uns von beiden Seiten gelebt. Karthy Sivarajah und Kandar Segar wurden bald zu unverzichtbaren Mitarbeitern und standen zuverlässig ihren Mann an ihren Arbeitsplätzen.“ Wobei sie stets von Peter Kramer betreut und gefördert wurden.

Beruf und Privatleben

Neben den beruflichen Erfolgen ging es bei beiden auch privat voran. Sie gründeten Familien. Sivarajah, der in Attendorn ein Haus gebaut hat und dessen beiden Töchter studieren bzw. das Gymnasium besuchen, erfüllte sich im Vorjahr zum 50. Geburtstag einen Traum: Er kaufte einen Mercedes. Sein Freund Segar lebt mit Frau und drei Kindern in Welschen Ennest. Im Dorfleben sind sie voll integriert. Eines der Kinder besucht derzeit noch den Kindergarten, ein anderes die örtliche Grundschule. Gleichzeitig pflegt das Duo intensiv den Kontakt zu ihren tamilischen Familien in ihrer Heimat Sri-Lanka. Und auch Landsleute in Deutschland wie in Saarbrücken oder Dortmund werden regelmäßig besucht.

Hesse sagt: „Es freut mich sehr, gerade diesen Mitarbeitern die Urkunde zum 25-jährigen Arbeitsjubiläum mit einer Jubiläumszulage überreichen zu können. Ein Beispiel, wie Integration am Arbeitsplatz für Mitarbeiter und deren Familien gelingen kann, wenn beide Seiten ein gewisses Verständnis für einander aufbringen.“ Haben sie ihren Schritt, nach Deutschland zu flüchten und hier eine neue Existenz aufzubauen, je bereut? „In Deutschland ist Frieden. In Sri Lanka herrscht Angst“, sagt Sivarajah. Als er 1994 Urlaub in der Heimat machte, wurde er ohne Begründung eine Nacht ins Gefängnis gesteckt: „Ich wurde einfach vom Zoll eingesammelt. Wahrscheinlich, weil ich keinen Geldschein in den Pass gelegt hatte.“ Über die Arbeit hinaus pflegt Peter Kramer auch privaten Kontakt zu den Mitarbeitern: „Die Familien sind sehr, sehr gastfreundlich, die Frauen sehr fit. Die Familien strahlen eine große Freundlichkeit aus.“

Kuchen, Torten oder süßes Gebäck gebe es in ihrer Heimat kaum. „Nix viel Kuchen.“ Dafür sei das Klima mit 35-40 Grad zu heiß, die Verderblichkeit zu groß, so Segar. Dort beherrsche Brot aus Weizenmehl das Geschehen.

Übrigens: Sivarajah und seine Familie besitzen seit dem Jahre 1999 die deutsche Staatsbürgerschaft: „Deutschland ist in Ordnung“, sagt er.