Netzwerk fängt die Flüchtlinge auf

Sigbert Stracke mit einigen der 24 Aslybewerber, die seit Ende April im neuen Container in Ottfingen leben.
Sigbert Stracke mit einigen der 24 Aslybewerber, die seit Ende April im neuen Container in Ottfingen leben.
Foto: WP

Ottfingen..  Sie haben einen weiten Weg hinter sich: Aus der Heimat in Ägypten, Pakistan oder Guinea ging es nach Hillmicke. Tausende von Kilometer. Dagegen war die letzte Umsiedlung für die jungen Männer nur ein Klacks. Ende April zogen sie weiter von Hillmicke nach Ottfingen, Lutflinie gerade mal drei Kilometer. Hier leben sie seitdem im neuen Wohncontainer zwischen der Firma Berker und dem alten Steinbruch. Der Container hat einen vorderen und einen hinteren Bereich. Jeweils gibt es vier Zimmer, die mit drei Personen belegt sind, zudem vier Küchen und vier Toiletten. Mit 24 Männern zwischen 20 und 40 Jahren ist der Ottfinger Container jetzt voll belegt. Sie stammen aus folgenden Ländern: Ägypten (1), Albanien (5), Algerien (4), Guinea (4), Irak (1), Kasachstan (2), Kirgistan (1), Mali (1), Marokko (2), Mazedonien (1) und Pakistan (2).

Ist man mancherorts skeptisch, wenn Menschen aus fernen Ländern kommen, so zeigen die Ottfinger Herz. Sie öffneten die Türe im Pfarrheim zur Begegnung von Asylbewerbern und alt eingesessenen Dorfbewohnern. Die Integration der Flüchtlinge ist dem Christlichen Netzwerk Ottfingen ein ganz besonderes Anliegen. „Wir wollen erste Kontakte mit den neuen Mitbürgern knüpfen. Sie sind von weither mit großen Erwartungen nach Ottfingen gekommen. Wir hoffen, dass ihnen Offenheit und Respekt entgegengebracht werden“, sagte Rosemarie Schmidt, Vorsitzende der KFD, bei einer ersten Infoveranstaltung im Pfarrheim.

Seit mittlerweile zweieinhalb Jahren betreut Sigbert Stracke die Asylbewerber in der Gemeinde Wenden. Der Ottfinger ist auch zuständig für die 24 Männer in seinem Heimatort. „Der Container in Hillmicke war ziemlich heruntergekommen und musste saniert werden. Die Männer sind froh, dass sie jetzt hier in Ottfingen im neuen Container sind. Das ist eine hundertprozentige Verbesserung“, so Stracke. Manche leben seit über vier Jahren in Containern und warten auf das Asylverfahren. Laut Stracke ist die Stimmung im Ottfinger Container gut: „Wir versuchen, Leute nach Ländern und Religionen zusammen unterzubringen, aber das ist nicht immer möglich. In Containern werden nur Männer untergebracht, keine Frauen. Manche Menschen kommen aus muslimischen Ländern. Da wären Konflikte vorprogammiert.“

Die Tagesstruktur fehlt

Sigbert Stracke bringt das Dilemma auf den Punkt: „Den Leuten fehlt die Tagesstruktur. Wenn sie den ganzen Tag nichts zu tun haben, ist das nicht gut für die Psyche. Sie sind willig zu arbeiten.“ Ortsvorsteher Hubert Halbe will die jungen Männer vor Schützenfest ins Dorfleben einbinden: „Sie können Rasen mähen oder eine Harke in die Hand nehmen. Durch den Arbeitseinsatz lernt man sich vielleicht ein bisschen besser kennen.“ Zudem könnten die Männer beim Streichen der Ruhebänke helfen. Ludger Wurm, 1. stellvertretender Bürgermeister aus Ottfingen, will die rechtlichen Rahmenbedingungen abklären. Auch eine Sitzecke am Container oder das Anpflanzen von Blumen sind geplant.

Ganz wichtig sei es, Kontakt zu den Asylbewerbern aufzubauen, so Stracke: „Es geht darum, mit ihnen zu sprechen. Da muss man kein Lehrer sein. Sie lernen auch so Deutsch. Sie sind einfach froh, wenn sich jemand mit ihnen unterhält.“ Die Männer könnten auf Festen in Ottfingen integriert werden oder in Vereinen.

Den Worten folgen Taten

Heiß begehrt bei den Flüchtlingen seien Fahrräder oder Kühlschränke. In Ottfingen ist man sich einig: „Organisation ist das Problem, nicht, die Sachen zu besorgen.“ Die Fäden sollen beim Netzwerk zusammenlaufen, so Peter Solbach, Vorsitzender der St.-Hubertus-Schützenbruderschaft.

Ottfingen lässt den Worten Taten folgen: Am morgigen Mittwoch gibt es ab 18 Uhr im Pfarrheim den ersten offenen Stammtisch für Ottfinger und Asylbewerber. Er soll zur festen wöchentlichen Einrichtung werden. Neben dem Kennenlernen soll es auch um konkrete Anliegen der Asylbewerber gehen. Auch über sehr unschöne Themen wird dann gesprochen. Wie Peter Solbach berichtete, seien Bewohner des Containers von Mitbürgern im Bus böse beschimpft worden. Es wird auch daran gedacht, für die Männer einen Deutsch-Sprachkurs vor Ort im Pfarrheim anzubieten.

Die Asylbewerber sind angetan von der Offenheit, die ihnen in Ottfingen entgegengebracht wird. Ein Pakistani erzählte von den schlimmen Zuständen in seiner Heimat: „Wenn man auf den Markt geht, ist es nicht sicher, dass man zurückkommt. Es gibt überall Bombeneinschläge.“ Die Gefährlichkeit in dem Land bestätigt auch Sigbert Stracke: „Als ich dort war, wurde vor mir ein Bus entführt.“

Der Pakistani ist heilfroh, dass er nun in Ottfingen in sicheren Gefilden ist: „Danke, dass ich hier sein darf. Ich freue mich, hier Menschen kennenlernen zu dürfen.“