Musikalischer Trecksack

Ludovicus Vornehm heißt nicht nur Vornehm, er ist auch sehr vornehm. Wenigstens ist er selbst davon völlig überzeugt. Aber wehe, wenn man ihn ärgert. Dann ist es aus mit der Vornehmheit, und er benimmt sich in seiner Wut derart, dass man das besser nicht weiter erzählen sollte.


Wieder einmal nahte der Geburtstag von Herrn Vornehm. Daran dachte er gar nicht gern, denn bei all seiner Vornehmheit hatte er eine Untugend an sich, die man auf Hochdeutsch mit Geiz bezeichnet. Aber bei seinem großen Bekanntenkreis konnte er es sich nicht leisten, sich zu verstecken und erst nach dem Festtag wieder aufzutauchen.


Da hatte er eine glänzende Idee. Statt einer Musikgruppe, wie er es in früheren Jahren gemacht hatte, wollte er diesmal nur einen Alleinunterhalter engagieren. Versteht sich, dass Herr Vornehm sich die Bewerber erst genau beguckte, ehe er einen für geeignet genug hielt um ihm den Auftrag zu erteilen.


Auch Hännes Monika hatte von Herrn Vornehms Vorhaben gehört und meldete sich. Eigentlich hieß er mit Nachnamen Meier, aber weil er gern Akkordeon spielt, und das auch den Namen Zieh-har-monika hat, nennen ihn seine Mitmenschen nur schelmisch-liebevoll Hännes Monika.

Dieser Hännes steht nun vor Herrn Vornehm – der bietet in seiner Vornehmheit seinen Bewerbern nicht einmal einen Platz an – und verhandelt mit ihm über die musikalische Gestaltung seiner Geburtstagsfeier. Wobei der Hännes so ganz unschuldig sagt: „Siëcker, sau wahne duier sall’t nit weeren. Ick singe, un dobey spiëll iëck diän Trecksack. (Sicher, so sehr teuer soll es wohl nicht werden. Ich singe und dabei spiele ich Akkordeon.)“ Oh weih, jetzt konnte man aber einen Zirkus ohne Bude erleben! Herr Vornehm schrie den armen Hännes an, mit hochrotem Kopf: „Was? Wie bitte? Was spielen Sie? Wollen Sie dämlicher Hund etwa mein Heim mit ihrem Drecksack verunreinigen.“ Hännes hatte beide Hände in die Höhe gehoben und versuchte, den Wortschwall zu unterbrechen, was ihm aber auch nicht ansatzweise gelang. Erst, als Herr Vornehm keine Luft mehr bekam und von daher gezwungen war zu schweigen, konnte Hännes etwas sagen: „Sind Sie geck? Ich spreche nicht vom einem Drecksack, sondern von einem Trecksack. Wörtlich übersetzt heißt das: Ziehsack. Auf Plattdeutsch sagt man auch noch Treckebuil, das heißt wortwörtlich: Ziehbeutel. Oder haben Sie noch niemals ein Akkordeon spielen hören?“


Trotz dieser glänzenden Verteidigung hatte der Hännes Monika Pech. Allein seine Sprache war dem Herrn Vornehm nicht vornehm genug und wer ein Akkordeon mit einem so grässlich gewöhnlichen Ausdruck bezeichnete, der konnte nach seiner Meinung seine Geburtstagsfeier nicht würdig genug gestalten.


Den Hännes machte das aber gar nicht traurig. Er hatte in der Woche noch drei Termine und wo er mit seinem „Trecksack“ oder „Treckebuil“ auftrat, da brachte er Stimmung und gute Laune mit. Dass ihm seine Ziehharmonika den weiblichen Spitznamen eingebracht hatte, tat ihm auch nicht weh, im Gegenteil. Er trug ihn mit Würde.