Moralisch ausweglose Situation

CDU-Ratsherr Lothar Epe, nicht gerade als Scharfmacher bekannt, stellte im Stadtrat eine wesentliche Frage: „Was machen wir denn, wenn das in Rumänien auch passiert?“ Damit brachte er auf den Punkt, was nicht mehr nur hochrangige Politiker umtreibt, sondern den ganz normalen „Mann auf der Straße“. Spätestens in solchen Notsituationen, die zur Spontan-Enteignung des ,Regenbogenlandes’ in Olpe geführt haben, müsste jedem auch in tiefster Provinzstadt klar werden: Europa ist nebenan.

Während hungernde Afrikaner lebensgefährliche Irrfahrten auf dem Mittelmeer riskieren, ist es in den armen Regionen Osteuropas die völlige Perspektivlosigkeit, die Menschen in die Hände gieriger Schleuser treibt: Kein Beruf, keine Aussicht auf Arbeit, keine Aussicht für die Kinder und Kindeskinder. Während sich das besitzende Europa im Swimming-Pool auf der Dachterrasse räkelt, lässt der albanische, bulgarische oder rumänische Arbeitslose im Müll den letzten Rest Würde zurück, um anschließend die Nacht in einer zugigen Wellblechhütte zu frieren.

Wer sich - auch in einem beschaulichen Städtchen wie Olpe - bisher auf den Standpunkt stellte: ,Das ist große Politik, da hab’ ich nix mit zu tun’, der wird von der Realität in der eigenen Nachbarschaft eingeholt. Alle sind irgendwie für alles mitverantwortlich. Die Flüchtlingsfrage ist letztlich nichts anderes als die Konsequenz von krösus-reich und bettelarm in einem Europa. Die Besitzenden werden sicher nicht wie der In Olpe verehrte St. Martin den halben Mantel geben, höchstens den Schnürsenkel. Das ist so und wird so bleiben. Alle wegschicken? Pfui. Alle dabehalten? Unmöglich. Was bleibt, ist nur Unbehagen. Sollte der Flüchtlingsstrom anhalten, werden die angeblichen Werte des christlichen Abendlandes schnell entlarvt: Das besitzende Europa hat sich in eine moralisch ausweglose Situation manövriert.