In 50 Jahren viermal um die Welt gelaufen

Altenhundem..  Wer kann schon von sich behaupten die Erde einmal, geschweige denn mehrfach zu Fuß umrandet zu haben?

Manfred Sauer hat es geschafft. Weit über 160 000 Kilometer hat der Altenhundemer in den vergangenen 50 Jahren auf Schusters Rappen zurückgelegt. Auch Sturm, Dauerregen und Schnee konnten den ehemaligen Fußballspieler- und Trainer nicht davon abhalten, seinen Dienst in der freien Natur anzutreten. Manfred Sauer ist Postbeamter - und das seit 50 Jahren. Zur Feier dieses seltenen Dienstjubiläums am heutigen Mittwoch können er und seine Frau Hetty die Korken knallen lassen. Den Tag Sonderurlaub will das Paar auf jeden Fall genießen.

Eigentlich könnte Manfred Sauer längst die Füße hoch legen und seinen wohlverdienten Ruhestand genießen. Aber das will er noch nicht. Abends den Wetterbericht schauen, um zu wissen, was ihn am nächsten Tag erwartet, könnte sich der Altenhundemer schenken. Sturm und andere Wetterkapriolen wie in den vergangenen Tagen haben keinen direkten Einfluss auf seinen Tagesablauf und mindern seine Motivation nicht.

Manfred Sauer hat Spaß an seinem Job und bringt das auch immer wieder zum Ausdruck.

Alle Postleitzahlen im Kopf

Angefangen hat alles im Jahr 1965. Der Vater war Bahnbeamter, der ältere Bruder Direktor einer Bank und die Schwester hatte eine solide Ausbildung als Verkäuferin absolviert. Da lag es nahe, dass der Jüngste im Hause Sauer auch einen soliden Beruf erlernt. „Früher waren die Chancen, sich seinen Beruf auszusuchen besser“, blickt Manfred Sauer zurück. Mit den Lieblings-Schulfächern Erdkunde und Sport hatte der heute dreifachen Familienvater und Großvater von sechs Enkelkindern die besten Voraussetzungen für einen Postler. Gesagt, getan. Die Ausbildung dauerte dreieinhalb Jahre. In großen Spinden wurde die Post für die Orte sortiert. Das setzte voraus, dass man alle damals noch vierstelligen Postleitzahlen im gesamten Bundesgebiet auswendig wusste.

Als Ausbildungsvergütung erhielt Manfred Sauer zwischen umgerechnet 30 und 45 Euro. Nach der Ausbildung fing es sofort mit einer 48 Stunden Woche an. In der Lohntüte landeten gerade mal umgerechnet rund 210 Euro. „Im öffentlichen Dienst waren die Verdienstmöglichkeiten damals wesentlich schlechter als in der freien Wirtschaft“, blickt Manfred Sauer zurück.

Renten an die Haustür gebracht

Sein Tätigkeitsfeld umfasste im Laufe der Jahre viele Bereiche: Schalterdienst, Zoll- und Bahnhofsdienst sind nur einige. Rundfunk- und Zeitungsgebühren wurden noch vom Postbeamten kassiert und die Renten in bar an der Haustür übergeben. „In Meggen waren das Knappschaftsrenten“, schmunzelt der Mitsechziger. „Von den Trinkgeldern habe ich mir meinen ersten Anzug gekauft.“

Damals gab es noch fünf sogenannte Fußbezirke in Altenhundem. Heute noch zwei. Einer davon wurde eigens auf Manfred Sauer zugeschnitten. Seit 15 Jahren ist er täglich im gleichen Bezirk auf Altenhundems Nordseite unterwegs. Von der Hagener Straße über die Ennest, Rosbecke und den Biertappen bis unter die Klippen sind es täglich - sechs Mal in der Woche - 15 Kilometer.

Außergewöhnliches Vertrauen

Mit seinen Kunden der rüstige Sauer ein bemerkenswertes Vertrauensverhältnis aufgebaut. Von vielen wird er täglich schon erwartet. Die einen reichen ihm ein Kaltgetränk zur Erfrischung, andere wollen vielleicht nur ein bisschen Plaudern. Ein eindrucksvoller Beweis für das besondere Vertrauen: Eine ältere Dame drückte Manfred Sauer 200 Euro in die Hand und sagte: „Bitte geben Sie die dem Pastor als Spende.“ Manfred Sauer führte auch diesen Auftrag gerne aus und brachte am nächsten Tag die Spendenquittung mit. Im Jahr 2007 sorgten „seine“ Kunden per Votum dafür, dass er sich unter den 1 000 beliebtesten Postmitarbeitern platzierte und nach Berlin eingeladen wurde.

Hunde erwarten Streicheleinheiten

In 50 Jahren als Posbote gibt es viele Kuriositäten. Alle aufzuzählen wurde sicherlich zu weit führen. Aber, ein Klischee kann Manfred Sauer locker dementieren: Dass Hunde die natürlichen Feinde der Postboten sind. Rund 40 Vierbeiner tummeln in sich in seinem Zustellbezirk. Er kennt sie alle beim Namen und sie warten nach der persönlicher Ansprache auf seine Streicheleinheiten. Über den Spruch: „Bei solch einem Wetter schickt man keinen Hund vor die Tür“ kann Sauer nur schmunzeln: „Ne, einen Hund nicht; aber den Postbeamten.“

Am 5. Januar 2016 ist Schluss

Den Spaß am Beruf hat Manfred Sauer nie verloren und sogar seine Frau Hetty mit seinem Idealismus angesteckt. Sie war auch 20 Jahre bei der Post beschäftigt. Was unterwegs passiert bleibt draußen. „Zu Hause haben wir andere Themen, die wir diskutieren“, erklärt sie und betont: „Es ist seine Welt.“

Am 5. Januar 2016 ist für den Mann, der sein Hobby, wie er sagt, zum Beruf gemacht hat, Schluss. Sicherlich wird ihn manch einer vermissen. Doch bis dahin zählt auch weiter das Motto: „Wir sind Dienstleister. Was nicht in den Briefkasten passt, wird persönlich übergeben.“