Iëck sin oppe!

Für die Plattdeutschen unter uns: Keine Bange, die Überschrift stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein, wenigstens zur Zeit nicht. Denn übersetzt bedeutet das: Ich bin völlig erschöpft; und wörtlich übertragen heißt es: Ich bin auf. Anscheinend hat man etwas nach dem ‚auf’ weggelassen, die ursprüngliche Redensart lautete vermutlich etwa so: „Ich bin aufgebraucht (im Sinne von: Meine Kräfte sind aufgebraucht).


Auch in der hochdeutschen Umgangssprache hat sich diese Redewendung erhalten: Ich bin oppe! Also ist aus dem sauerländer Platt das Wort oppe in die hochdeutsche Entsprechung dieser Redensart hineingeraten.


Die Plattdeutschen unter uns wissen auch, dass das Wort für hochdeutsch ‚auf’ auf plattdeutsch op heißt. Der hochdeutsche Satz: ‚Das Zeug liegt auf dem Stuhl’ lautet in vielen Mundarten des Sauerlandes: „Et Tuig liëtt op me Stauhle.“ Also op, aber nicht oppe. Also müsste die oben zitierte Redensart eigentlich heißen: ‚Ich bin op?’ Nein, es heißt richtig: „Iëck sin oppe“, nicht: „Iëck sin op“.


Wieso op me Stauhle ‚auf dem Stuhl’, aber iëck sin oppe ‚ich bin auf (= völlig erschöpft)’. Dazu muß man wissen, dass die Plattdeutschen zwischen betonten und unbetonten Wörtern auch in der äußeren Form unterscheiden. Die Hochdeutschen kennen so etwas nicht. Im Satz ‚Das Zeug liegt auf dem Stuhl’ ist das ‚auf’ nicht betont, sondern das Wort ‚Stuhl’. Im Satz ‚Ich bin auf’ liegt der Ton auf dem Wort ‚auf’. Die Form des Wortes ändert sich aber nicht, es heißt beide Male ‚auf’.


Im Sauerländer Platt ist das anders. Das kann man z. B. auch bei den Zahlen von eins bis neunzehn beobachten. Dazu ein paar Beispiele:


Ein Ölper beobachtet Kinder beim Spiel und stellt fest: „Buten sind twäi Jungens un spiëlent, et sind genau twäie.“ Das heißt hochdeutsch: Draußen sind zwei Jungen und spielen, es sind genau zwei. Im Hochdeutschen heißt es in beiden Fällen nur ‚zwei’. Aber im Plattdeutschen heißt das unbetonte ‚zwei’ twäi, und das betonte ‚zwei’ heißt twäie. – Max aus Eslohe fragt seinen Bruder Moritz: „Hiäste auk dei acht Broiekes metbracht?“ (Hast du auch die acht Brötchen mitgebracht?) Da wird Moritz ungehalten: „Wacht, achte? Teihne sollen’t doch seyn, genau teihn Broiekes!“ (Was, acht? Zehn sollten’s doch sein, genau zehn Brötchen!)


Was ins Auge fällt, ist das Zufügen eines –e an das Zahlwort, wenn man es besonders betont. Und genau so macht man es mit dem op. Es kriegt noch ein –e angehängt. Aber, damit man nun nicht ‚ope’ da stehen hat und deshalb vielleicht ‚oope’ liest, schreibt man noch ein p dazu, so dass man auch richtig ‚oppe’ mit kurzem o liest und spricht.


Schon in meiner Kinderzeit hörte ich oft den Ausspruch: Deutsche Sprache, schwere Sprache. Das gilt auch für die Schwestersprache Plattdeutsch, die hat auch einige Tücken, die es zu beachten gilt – quod erat demonstrandum - ich meine: was zu beweisen war, oder: wat tau beweysen was.


Uff! Ick huape, Ey seyd nit ratz
oppe, wann Ey düesen Artikel
luasen het! Für Leser ohne Sprachkenntnisse des Cobbenroder
Dialekts heißt das: Uff! Ich hoffe, Sie sind nicht total erschöpft, wenn Sie diesen Artikel gelesen haben!