Glaube, Sitte, Heimat und rote Zahlen

Wenn die Schützen feiern, sind die Musikanten mit dabei.
Wenn die Schützen feiern, sind die Musikanten mit dabei.
Foto: dpa

Kreis Olpe..  Die St. Helena-Schützen in Elben haben ihre Schützenkappen schon wieder im Schrank verstaut. Das Elbener Schützenfest 2015 ist Geschichte und wird als eines der Besseren in die Geschichte des Schützenvereins eingehen. „Wir sind sehr zufrieden. Am Samstag Abend waren 100 zahlende Besucher mehr als im letzten Jahr“, blickt Jürgen Blum, seit fünf Jahren Vorsitzender in Elben (480 Einwohner) recht zufrieden auf das Schützenfest am letzten Wochenende zurück.

Schön für Elben, aber Fakt ist, dass viele kleinere Vereine immer größere Probleme haben, die finanziellen Enden zusammen zu bringen. Wolfgang Schneider, seit 9 Jahren Chef des St.-Johannes-Schützenvereins Saßmicke (600 Einwohner, 260 Schützen), bringt es auf den Punkt: „Unser größtes Problem ist die immer weiter auseinander gehende Kostenschere“.

Minus-Feste

Jürgen Blum hofft bei der Festabrechnung diesmal auf eine „eine schwarze Null“. Es wäre die Ausnahme. In den letzten Jahren musste der Verein regelmäßig um die 1000 Euro zuschießen, um die Kosten zu decken, in Saßmicke sind es manchmal, je nach Wetter oder Ferientermin, sogar 2000 Euro.

„Die meisten Vereine machen minus beim Schützenfest. Das ist keine gute Entwicklung und es wird mittelfristig dazu führen, dass einige ihr Schützenfest in der traditionellen Form nicht mehr feiern können“, prognostiziert Wolfgang Schneider.

Schützenfest nur noch an einem Tag oder - wie schon oft im Märkischen Kreis - nur noch alle zwei Jahre? Was heute noch undenkbar scheint, könnte schon bald Realität werden.

Die Fakten: Viele Kosten beim Fest lassen sich kaum minimieren. Schneider: „Die Zeltmiete wird nicht weniger, das Honorar für die Musik nicht, die Kosten für Orden, Kränze, Blumen und Fahnenschmuck auch nicht.“ Das Gleiche gilt für Müllcontainer, Wachdienst oder Toilettenfrau, sagt Jürgen Blum. Auch GEMA-Gebühren und Versicherungsbeiträge schlagen heftig ins Kontor. Dazu kommen immer neue, aufwendige Auflagen des Gesetzgebers, wie zuletzt die obligatorische Absturzsicherung für den Kugelfang, die jeder Verein mit Vogelstange nachrüsten musste.

Teure Musik

Vor allem aber belasten die Kosten für die Festmusik den Schützenetat. Nicht nur, dass die Stundenhonorare der Kapellen steigen. Hatten die Festkapellen vor 20 Jahren noch eine Durchschnittsstärke von 30 Musikern, sind heute 40 bis 50 aktiv, die allesamt bis zu drei Tage lang verpflegt werden müssen. „Der Hauptkostenfaktor ist die Musikkapelle und die Tanzmusik“, sagt auch Rüdiger Henrichs, seit 2008 Vorsitzender des St. Antonius-Schützenvereins Marmecke (189 Mitglieder, 384 Einwohner).

Steigende Kosten auf der einen Seite, wegbrechende Einnahmen auf der anderen Seite. Trotz des Erfolgs in diesem Jahr gibt Elbens Vorsitzender Jürgen Blum zu, dass die Besucherzahlen generell sinken: „In den guten Zeiten hatten wir bis zu 500 zahlende Besucher, die sind vorbei.“

Viele Vereine kassieren überhaupt keinen Eintritt mehr und haben aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie in den letzten Jahren ihre Festabläufe verändert bzw. gestrafft haben, einerseits um sich den geänderten „Feiergewohnheiten“ anzupassen, andererseits um effektiv Kosten zu sparen. Wolfgang Schneider: „Wir waren mit die ersten, die das geändert haben.“ Seitdem gibt es am Schützenfestsonntag keinen Tanzabend mehr. Schneider: „Es macht keinen Sinn, nur für den Hoftisch und drei Leute an der Theke bis in die Nacht eine Tanzmusik spielen zu lassen.“ Wollen die Schützenvereine nicht zusehend in die Pleite schlittern, müssen also neue Einnahmequellen her, um die finanziellen Löcher zu schließen, die auch durch Sponsoren- und Spendengelder nicht langfristig gestopft werden können.

Das probate Mittel der Politik, schlicht Gebühren bzw. Beiträge zu erhöhen, hält Wolfgang Schneider für keine gute Idee: „Wir würden mehr einnehmen, aber sicher auch Mitglieder verlieren.“

Sichere Einnahmen

Eine sichere Einnahmequelle ist die Vermietung der vereinseigenen Immobilien wie der idyllische Schützenplatz in Elben, das schmucke Dorfgemeinschaftshaus in Saßmicke oder die gut ausgestattete Schützenhalle in Marmecke.

Die Marmecker St. Antonius-Schützen sind hier besonders kreativ. Als 2011 die letzte Dorfkneipe „Kumm Rin“ dicht machte, nahm der Verein ein 40 000-Euro-Darlehen auf, baute Speiseraum und Nebenräume der Schützenhalle mit viel Eigenleistung zu einer gemütlichen Kneipe bzw. zum Vereinsheim um. Das neue „Kumm Rin“ ist seit vier Jahren verpachtet, öffnet drei bis vier Mal die Woche, die Pachteinnahmen fließen in die Kasse des Schützenvereins. Um diese zu schonen, verzichten die Marmecker Schützen schon seit einigen Jahren auf den klassischen Festwirt, sondern bewirtschaften das Schützenfest selber. Der Verein gründete dafür eine GbR, die Kellner und Zapfer engagiert. Der Überschuss fließt in die Vereinskasse.

Kassenfeste

Viele Vereine führen neben den traditionellen Festen im Jahresverlauf weitere eigene Veranstaltungen aller Art wie zum Beispiel Waldfeste, Karnevalsfeiern, Discos etc. durch, um die Kasse zu füllen. In Saßmicke ist die Maifeier am 1. Mai mittlerweile die Haupteinnahmequelle des Vereins. Viele Jahre betrieb der Verein einen Bierstand beim Olper Stadtfest, um die Vereinskasse aufzubessern.

Die Elbener Schützen profitieren von der guten Freund- und Partnerschaft mit dem Musikverein aus dem benachbarten Gerlingen, der in diesem Jahr zum 75. Mal das Schützenfest musikalisch gestaltete. Bei Veranstaltungen des Musikvereins wie „1000 Takte Marschmusik“ übernehmen die Schützen zum Beispiel den Thekendienst. Blum: „Dadurch sind die Musikkosten bei uns kein großes Thema, wir bekommen einen Sonderpreis.“

Gute Partner der 72 Schützenvereine im Kreis wollen traditionell die heimischen Brauereien sein. Vom belebten Konkurrenzkampf der Bierbrauer um die Gunst der Schützen können diese bei cleverer Verhandlungsstrategie profitieren. In Marmecke fließt seit zwei Jahren statt Bier aus Felsquellwasser Gebräu aus Grevenstein aus den Zapfhähnen der Schützenhalle. Vorsitzender Rüdiger Henrichs: „Der Brauereiwechsel hat sich ausgezahlt. Wir machen sogar Plus beim Schützenfest.“

Grundsätzlich finden die Vereine die Zusammenarbeit und die Konditionen der Bierbrauer, die den Schützen nicht selten auch mit günstigen Darlehen entgegen kommen, recht fair. Wolfgang Schneider: „Die Brauereien stehen hinter uns Vereinen.“ Mehr Entgegenkommen und Sensibilität wünscht sich Wolfgang Schneider von den Kommunen: „Es muss doch nicht sein, dass die Stadt für die Ausschankgenehmigung für den 1. Mai 50 Euro kassiert.“