Gesundheitssystem krankt an allen Gliedern

Altenhundem/Kreis Olpe..  Das bundesdeutsche Gesundheitssystem krankt an erheblichen Mängeln. Das wurde in einer Diskussion zum Thema „Medizinische Versorgung in Gefahr?“ mehr als deutlich. Die heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Crone und Willi Brase hatten dazu rund 20 Interessenten – darunter zahlreiche Ärzte - ins Hotel Cordial in Altenhundem eingeladen.

Nur 40 Prozent der Medizinstudenten, so Petra Crone, würden eine Ausbildung zum Hausarzt absolvieren, 60 Prozent hingegen eine zum Facharzt. Als mögliche Lösung des in absehbarer Zeit drohenden Hausärztemangels nannte sie die Einrichtung von Gesundheitszentren, mobile Einrichtungen, Telemedizin, Prävention und Reha: „Es muss aber zur Region passen.“ Hier die Standpunkte der Fachleute:

Wolfgang Nolte, Geschäftsführer katholische Hospitalgesellschaft: Die Attraktivität zur Ansiedlung in Südwestfalen sinkt mit der zunehmenden Entfernung zur Autobahn. Bevor die Familien z.B. aus dem Rheinland ins Sauerland umsiedeln, nehmen die Ärzte lieber die 45-minütige Fahrt in Kauf. Sprachliche und kulturelle Gegebenheiten verhinderten teilweise den Einsatz ausländischer Ärzte: „Es kann nicht sein, dass sich ein junger Assistenzarzt von einer Oberärztin nichts sagen lassen will.“ Neue Wege müssten beschritten werden. Der Zugang zum Medizinstudium über den Numerus Clausus sei unsinnig. Und nur 50 Prozent der Mediziner würde später auch als Arzt arbeiten, die andere Hälfte lande in Forschung und Industrie. Jedes Jahr werde etwas durch Gesetze und Verordnungen am Gesundheitssystem verändert: „Wir brauchen einmal eine Ruhephase von 5 Jahren um zu sehen, wohin der Zug fährt.“

Dr. Roger Dietz, Hausarzt: „Für viele geht es um die Attraktivität des Hausarzt-Berufs. In den Köpfen der Menschen ist der Hausarzt der kleine Arzt. Viele Hausärzte können den Medizinern in den Krankenhäusern das Wasser reichen.“ Das Einkommen von Hausärzten sei zudem ein großes Problem: „Bei einem Vergleich von 12 westeuropäischen Ländern lag Spanien beim Einkommen von Assistenzärzten auf dem vorletzten Platz – Deutschland lag noch 20 Prozent darunter.“ Der Zeitfaktor in der Behandlung sei von großer Bedeutung: „Zeit bedeutet ein Zuwachs an Qualität. Aber das kostet auch Geld. Je weniger Geld investiert wird, umso schlechter wird die Arbeit.“

Uwe Beul, Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokraten im Gesundheitswesen, setzte auf Zusammenarbeit und eine Vernetzung: „In Deutschland ist das Gesundheitssystem auf hohem Niveau, wir müssen uns im internationalen Vergleich nicht verstecken.“ In den Pflegeberufen (Alten- und Krankenpflege) würden zahlreiche Fachkräfte von Einrichtungen „weggekauft“, die selbst nicht ausbilden. „Im Kreis Olpe arbeiten drei Palliativ-Netzwerke nebeneinander her und aneinander vorbei. Das sind verschwendete Ressourcen.“ Die Menschen im Kreis benötigten alle drei Krankenhäuser: „Um alle drei Standorte zu erhalten, geht es nicht ohne eine Zusammenarbeit.“

Willi Brase, SPD-Bundestagsabgeordneter: Die Menschen auf dem Land wollen alle dasselbe. Eine medizinische Versorgung wie in den Städten.“ Es spiele aber auch die demografische Entwicklung eine Rolle: „In Südwestfalen leben in absehbarer Zeit 145000 Menschen weniger. Damit verschwindet der Kreis Olpe von der Landkarte.“ Dem Hausarzt maß Brase eine besondere Bedeutung bei: „Der Hausarzt sollte Lotse sein.“ Bei den Pflegeberufen sei eine bessere Bezahlung unabdingbar. Gleichzeitig müsse man sich angesichts steigender Kosten im Gesundheitswesen nach der Finanzierung fragen. Da könne man über einen erhöhte Krankenkassen-Beitrag ebenso reden wie über steuerliche Rahmenbedingungen. Entscheidende Frage in Südwestfalen sei angesichts zahlreicher kleiner Dörfer: Wie komme ich zum Hausarzt.“

Es geht immer nur ums Geld

In kompetenter Diskussion wurden Missstände aufgezeigt. „Eigentlich geht alles immer nur ums Geld. Es ist genug Geld im Gesundheitssystem – es wird aber falsch verteilt. Die Pharmaindustrie sollte finanziell stärker mit eingebunden werden. Vergleiche man den Lohn eines Facharbeiters in der Industrie mit dem einer Altenpflegerin, so müsse man zu dem Schluss kommen: Die Pflege von Maschinen ist uns mehr wert als die Pflege von Menschen.“

Dr. Junker aus Olpe, Kassenärztliche Vereinigung, wies auf den ungeheuren bürokratischen Wust in Sachen Gesundheit hin. Zeit, die unnötig mit der Anfertigung von Berichten und Protokollen vergeudet würde.: „Im Vorjahr haben 80 Mediziner die Prüfung zum Hausarzt abgelegt – wir brauchten aber 180.“ 6 Jahre Medizinstudium und anschließend 5 Jahre Ausbildung zum Facharzt: „Das macht 11 Jahre. Hinzu kommen noch bis zu 5 Jahre Wartezeit, um den unsinnigen Numerus Clausus zu erzielen. Bis dahin ist das Haus längst abgebrannt.“

Duale Mediziner-Ausbildung

Brase überlegte, ob man statt der derzeitigen Studienvoraussetzungen nicht auf eine Art Duale Ausbildung von Medizinern umsteigen könne. Seit vielen Jahren, so Dr. Junker, mahne die Ärzteschaft dringend notwendige Reformen an. Nichts sei bisher geschehen außer einer Aufblähung der Bürokratie: „Die Politik muss endlich in die Pötte kommen.“

Dreh- und Angelpunkt sei es, jungen Medizinern den Kreis Olpe als Heimat schmackhaft zu machen. Denn eines stehe fest: „Wenn wir keine Ärzte haben, können wir auch keine Netzwerke bilden.“ Auf reges Interesse stieß dabei die Vorstellung von Willi Brase, an der Universität Siegen einen Studiengang Medizin einzurichten. Die Voraussetzungen seien hervorragend, so könne man junge Mediziner weitaus besser an die Region binden.

Dr. Junker: „Meinungsforscher sind sich sicher: Schon die nächste Bundestagswahl wird am Thema Gesundheit entschieden. Ein Neurologe, der an zwei Tagen im Monat mehr als 12 Stunden pro Tag gearbeitet habe, müsse mit einem Strafverfahren wegen Betrugs rechnen: „Das System ist so krank. Es brennt an allen Ecken und Enden.“ Beul: Auf ein Seniorenheim wirken mehr als 200 Gesetze ein.“