Gegen die Stimmen im Kopf

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Was wir bereits wissen
Einem 36-Jährigem wird vor dem Olper Amtsgericht eine Vielzahl von Delikten vorgeworfen. Der Angeklagte hört Stimmen. Viele Taten haben damit zu tun.

Finnentrop/Siegen..  „Was wollten Sie denn mit 24 Dosen Red Bull? Die sollen ja Flügel verleihen. Wollten Sie damit nach Nigeria fliegen?“ Der Angeklagte lacht ausgelassen auf die Frage des Vorsitzenden Richters Wolfgang Münker. Es ist einer der wenigen fröhlichen Momente an diesem Morgen vor der 1. Großen Strafkammer. Ansonsten geht es um eine große Zahl von Fällen und vor allem um ein ernsthaftes Problem des Mannes, dem sie vorgeworfen werden. Der Angeklagte hört Stimmen. Viele Taten haben damit zu tun.

Seit 13 Jahren in Deutschland

Der Nigerianer lebt schon seit rund 13 Jahren in Deutschland, zur Zeit in einem Übergangsheim in Finnentrop. Von dort ist er 2013 und 2014 die Ruhr-Sieg-Strecke hoch und runter gefahren, nach Kreuztal und Siegen, nach Lennestadt und Plettenberg und einige Zeit auch sehr oft nach Hagen. Sehr oft ohne gültiges Ticket. Er hatte eine Freundin in Dortmund. „Wie sind Sie denn von Hagen nach Dortmund gekommen“, will Richter Münker wissen. Auch mit der Bahn, kommt zur Antwort. Manchmal mit und manchmal ohne Fahrkarte, meint der Angeklagte verschmitzt. Einmal ist eine solche Fahrt auch angeklagt: „Ansonsten sind Sie wohl nicht erwischt worden.“

Ab Sommer 2014 verfügte der Angeklagte über eine Monatskarte, um den ständigen Problemen aus dem Weg zu gehen. Wenn er etwa in Siegen arbeite, müsse er doch irgendwie hinkommen. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt schon ein Hausverbot in den Zügen, statt Beförderungserschleichung folgen jetzt Anklagen wegen Hausfriedensbruch. „Er hatte ja nun eine Karte und konnte das Hausverbot nicht mit den früheren Verfehlungen in Beziehung bringen“, erläutert Verteidiger Thomas Trapp, der immer wieder beruhigend auf seinen leicht aufbrausenden Mandanten einredet.

Grund für das Verhalten des 36-Jährigen sind nicht zuletzt die Stimmen oder „Spirits“, wie er sie nennt. „Was wollen diese Stimmen von mir? Ich will die nicht“, ruft er dem Gericht zu. Das tue ihm im Kopf weh. Sie kämen aus den Füßen und stellten ihm Fragen, beleidigten und beschimpften ihn: „Dann werde ich sauer.“ Deshalb habe er zum Beispiel eine Scheibe im Übergangsheim mit einem Mauerstein eingeworfen, damit sie still würden.

Vorausgegangen war ein Gespräch mit seinem Betreuer aus Olpe über eine mögliche Rückkehr nach Afrika. Sein Mandant glaube, dass die Stimmen von dort kämen und vielleicht auch dort heilbar seien. Oder verstummten, wenn er wieder nach Hause komme, sagt der Verteidiger.

Der Angeklagte regt sich schnell auf, aber er gibt alle Vorwürfe zu. Die Dosen mit Energy-Drinks hat er in Olpe geklaut, wollte sie über die nächsten Tage trinken. Weil er „nachts immer Blut verliere“, merkt er geheimnisvoll an. Anfang 2014 hat er zwei Männern mit Kopfstößen blutige Nasen verpasst, weil er für die gearbeitet und sein Geld nicht bekommen habe. Sie hätten ihn angegriffen. Acht Jahre sei er für 400 Euro bei deren Metallunternehmen in Finnentrop beschäftigt gewesen und immer wieder habe es Probleme mit dem Geld gegeben, erklärt der Angeklagte aufgebracht. Dann hat er eine Tür im Asylbewerberheim eingetreten. Die Bewohner des bewussten Zimmers hätten die Küche verschmutzt, erklärt er diesen Vorfall. „Aber Sie haben doch damit die Gemeinde geschädigt“, stellt der Richter fest. Ob das denn Sinn mache. Der Angeklagte verneint.

Psychiatrisches Gutachten

Weniger einsichtsvoll ist er bei einer Beleidigung zweier Frauen in einem Supermarkt. Die hätten ihn zu Unrecht aufgefordert, Leergut mitzunehmen, „das mir nicht gehörte“. Als er das erklären wollte, bekam er Hausverbot. Und wurde ausfällig: „Weil ich sauer war!“ Ob das denn die feine Art sei, will Wolfgang Münker jetzt wissen. „Ahhh, I don’t know“, grinst sein Gegenüber. „Das wissen Sie sehr wohl“, winkt der Richter ab.

Das Verfahren wird fortgesetzt, unter anderem mit dem psychiatrischen Gutachten. Statt Haft könnte dem Angeklagten auch die Unterbringung drohen.