Ganz besondere Anrede

Hännes Saufstümmel hat in Wirklichkeit natürlich einen anderen Familiennamen, aber gemäß seiner liebsten Beschäftigung hat er den oben genannten Spitznamen bekommen, dem er übrigens alle Ehre macht.

Es klingelt – vor der Tür stehen ein paar Kegelbrüder, den Hännes mitten zwischen sich, und der hat glasige Augen und kann nicht mehr reden, sondern nur noch lallen. Stine, die Frau von Hännes, macht die Tür auf – „Dat heww ick mi doch dacht! Dat is doch en allen unweysen Siupstümmel! I konnt ne seofoort wier metniämmen, latt ne immer Weiertshiuse schlopen! (Das habe ich mir doch gedacht! Dieser alte verrückte Saufstümmel! Ihr könnt den sofort wieder mitnehmen, lasst ihn doch im Wirtshaus schlafen!)“ Stine schlägt die Tür zu, und die Vereinsbrüder müssen sehen, wo sie ihren Hännes lassen.

Am nächsten Tage kommt Hännes wieder. Er hat die Nacht selig bei Vereinsbruder Rudi geschlafen. Stine nimmt ihn mit Worten aus dem Buch Leviticus in Empfang: „Du olle, unweyse Siupstümmel! Wat denkes diu eigentlick …(Du alter verrückter Saufstümmel! Was denkst du dir eigentlich…)“ Am Ende der Gardinenpredigt sagt Hännes „Amen!“. Aber Stina gönnt ihrem Hännes nicht das letzte Wort und sagt es ihm sogar zweisprachig: „Alle Ape – Alter Affe!“ worauf der Hännes die Sprache verliert. Stine gönnt sich noch einen kleinen Nachklapp: „Dat is doch en allen Apen is dat! (Das ist doch ein alter Affe ist das!)“

Interessant: Als sie am Morgen ihren Göttergatten empfängt, da spricht sie in so an: „Du alle unweyse Siupstümmel!“ Also: du alle, unweyse - mit einem -e am Ende. Vorher, als sie von Hännes gesprochen hat, da hieß es, er sei en „allen, unweysen“ Saufstümmel“, die beiden Eigenschaftswörter haben am Ende ein –en. Dieselbe Geschichte wiederholt sich mit dem gewissen Tier, mit dem Affen: Das ist „en allen Apen“, aber die ausgewählte Anrede lautet: „du alle Ape!“

Fazit: Für die Anrede haben die Plattdeutschen bei den Eigenschaftswörtern eine besondere Form, die immer nur auf –e ausgeht: Unweyse Keerl! schimpft Stine. Junge Frugge, kann ick ugg wat verkeopen? fragt der Händler hinter der Theke. Leiwe Miäkelken, kumm! bittet der Peter seine Freundin. Fräche Blagen, ick sall ugg! schimpft der Nachbar. Auf Plattdeutsch haben Eigenschaftwörter immer nur ein –e am Ende, wenn man Leute damit anspricht: Unweyse Keerl! Junge Frugge! leiwe Miäkelken! Fräche Blagen! Im Hochdeuschen sieht das anders aus, wie die Übersetzung zeigt: Verrückter Kerl! Junge Frau! Liebes Mädchen! Freche Kinder!

Mit dem besonderen Fall für die Anrede stehen die Plattdeutschen nicht alleine da. Eine ausgewiesene besondere Form haben einige Sprachen, sogar für Hauptwörter (Substantive): Wenn die Lateiner von einem Herrn sprechen, sagen sie: Dominus dicit. Auf Hoch: (Der) Herr spricht. Aber, wenn die Lateiner den Herrn ansprechen, sagen sie: Domine, dic! Übersetzt auf Hoch: Herr, sprich! Genau das machen auch die Griechen. Sie berichten vom Herrn: Ho kyrios legei. Der Herr spricht. Sie sprechen den Herrn aber so an: Kyrie, lege! Herr, sprich!

Die Plattdeutschen begnügen sich mit dem –e am Ende von Eigenschaftswörtern bei der Anrede. Leiwe Liäser, ey konner’t mey gloiwen. (Lieber Leser, Sie können es mir glauben.) Und damit die Damen der Leserschaft nicht unberücksichtigt bleiben: Leiwe Liäserske, ey konner’t mey gloiwen. (Lieber Leserin, Sie können es mir glauben.) Absolut!