Freie Hebammen in Existenzangst

Altkreis..  Heute auf den Tag genau ist die Hebamme Marion Stöber aus Brilon 25 Jahre selbstständig. Rund 1000 Kindern hat sie in dieser Zeit auf die Welt geholfen, davon 80 bei Geburten zuhause oder im Geburtshaus. Vor drei Jahren hat sie das Herzstück ihrer Arbeit, für das sie eigentlich in ihrer Ausbildung angetreten war, aufgegeben – die Geburtshilfe. Grund: die seit Jahren immer höher steigenden Haftpflichtprämien für freiberuflich tätige Hebammen (wir berichteten mehrfach).

Bitteres Jubiläumsgeschenk: Zum heutigen Stichtag steigen die Versicherungsprämien für freie Hebammen mit Geburtshilfe nun noch einmal um 23,5 Prozent an (s. Infobox auf Seite 3). Außerdem sind die Verträge bis Juli 2016 befristet, was quasi das Existenz-Aus für alle freien Hebammen auch ohne Geburtshilfe bedeutet, denn ohne Haftpflicht dürfen sie auch keine Schwangeren betreuen, Wochenbettbesuche oder Stillberatungen machen oder Kurse leiten. Vor allem auf dem Land wäre das durch die weiten Wege zu Kinderärzten und Krankenhäusern ein Fiasko für alle jungen Familien.

Keine Einigung mit Krankenkassen

Die gingen daher im letzten Jahr zu tausenden auf die Straße, woraufhin Bundesgesundheitsminister Gröhe reagierte und im Dezember einen sogenannten „Sicherstellungszuschlag“ anordnete. Das bedeutet, dass vor allem für die besonders stark betroffenen Hebammen mit wenigen Geburten die Krankenkassen diese hohen Prämien ausgleichen sollen. Das tun sie jedoch nicht: Der GKV, der Verband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, will derzeit neue bürokratische Auflagen durchsetzen und u.a. die Bedingungen für Hausgeburten so verschärfen, dass eine Hebamme in fast jedem Fall als grob fahrlässig eingestuft würde und somit von den Krankenkassen belangt werden könnte. Dagegen wehrt sich der Hebammenverband. Und solange diese Verhandlungen nicht abgeschlossen sind, zahlen die Krankenkassen den Sicherstellungszuschlag an die Hebammen nicht.

Als Marion Stöber anfing, ihren Schwangeren auch Hausgeburten zu ermöglichen, kostete die Haftpflichtversicherung noch rund 350 Mark jährlich. Mehr als zwei Jahrzehnte leitete sie ihre Mütter mit „Liebe und Herzblut“ durch die Geburten, plante Urlaube und ihr gesamtes Privatleben um die Entbindungstermine herum. Die Einträge in ihrem Internet-Gästebuch lassen ahnen, wie herzlich die gegenseitigen Bindungen in dieser besonderen Zeit gewesen sind.

„Mit einem Bein im Gefängnis“

„Es war ein sehr schwieriger Prozess für mich, die Geburtshilfe loszulassen“, blickt Marion Stöber zurück. „Durch die explodierenden Versicherungsprämien habe ich mich zum ersten Mal während meiner ganzen Berufstätigkeit von Existenzangst bedroht gefühlt, obwohl ich immer gut ausgelastet war.“ Bei jeder Hausgeburt habe sie durch die andauernden Diskussionen um Versicherungsfälle plötzlich Zweifel gehabt, ob sie auch richtig handelte. „Als geburtsbegleitende Hebamme steht man quasi mit einem Bein im Gefängnis. Ich hatte keine Angst, dass ich selber Fehler mache, wenn ich Verantwortung für das Leben von zwei Menschen übernehme.“ Bei rund 80 außerklinischen Geburten erinnert sich Marion Stöber nur an zwei oder drei Fälle, in denen sie die Mütter ins Krankenhaus verlegen musste. „Aber die politischen Rahmenbedingungen haben mir das Genick gebrochen. Im Mittelalter wurden wir Hebammen als Hexen verbrannt, heute macht uns die Politik kaputt.“