Ein Raubritter streckt die Zunge heraus

Olpe..  „Wir haben nur ein Bruchteil von dem, was mal existiert hat“, sagt der Olper Stadtarchivar Dr. Josef Wermert.

Vieles ist 1795 dem großen Stadtbrand zum Opfer gefallen und danach tendierte lange Jahre das Interesse an einem Gedächtnis der Stadt gegen Null. Das hat sich zum Glück geändert: Weit mehr als 9000 Urkunden und Akten aus der Olper Verwaltung schlummern heute im Stadtarchiv, unzählige Schätze aus privaten Sammlungen kommen noch hinzu.

Und wer eifrig sucht, der kann so manche Kuriosität entdecken - zum Beispiel ein 650 Jahre altes Stück Pergament, das geradezu groteske Formen annimmt, wenn man es mit der Lupe betrachtet: Die Urkunde eines gewissen Hunolt von Hillewordinchusen, das zweitälteste Schriftstück des Olper Stadtarchivs.

Der Verfasser sichert darin dem Bürgermeister, dem Rat und den Bürgern von Olpe zu, ihnen künftig keinen Schaden mehr zuzufügen.

Die aus gegerbtem Schweine- oder Ziegeleder hergestellte Urkunde mit vier so genannten Presseln - das sind Pergamentstreifen, auf die das Wachsiegel gedrückt wurde - stammt vom 23. August 1365. So genau steht das allerdings nicht auf dem Schriftstück. Dort heißt es vielmehr: „Oppe sente Bartholomeus ayvend, des heilghen apostels“, also auf St. Bartholomäus Abend, des heiligen Apostels. „Geschrieben wurde die Urkunde also am Abend vor dem Festtag St. Bartholomäus. Das genau Datum kann man dann ausrechnen“, erklärt Dr. Wermert.

Wenn man den in Mittelniederdeutsch verfassten Text übersetzt, kommt Folgendes dabei heraus: „Hunolt von Hillewordinchusen bekunden, der er auf Vermittlung des Hunolt van Plettenbracht, Amtmann zu Waldenbergh, freundlich und einträchtig mit dem Bürgermeister, dem Rat und mit den gemeinen Bürgern zu Olepe verhandelt hat. Er will Zeit seines Lebens dem Bürgermeister, dem Rat und den gemeinen Bürgern zu Olepe und ihren Gütern keinerlei Schaden mehr antun. Siegelankündigung des Ausstellers und auf dessen Bitte hin des Hunolt van Plettenbracht, Amtmann zu Waldenbergh, des Herman van Lenhusen genannt Grevenstein und des Heidenrik van Dusenschure, die die Wahrheit des Vorgeschriebenen bezeugen.“

Olepe ist Olpe, Plettenbracht Plettenberg, Waldenbergh Waldenburg, Lenhusen Lenhausen und Dusenschure Dünschede. Und Hillewordinchusen? „Damit ist Hildringhausen im Olper Osterseifen gemeint“, vermutet der Stadtarchivar.

Auf die schiefe Bahn geraten

Und was hat jener Hunold von Hildringhausen verbrochen, dass er solch eine Urkunde verfassen musste? Dr. Wermert: „Es gab damals Raubritter, die von ihren Bauernhöfen nicht leben konnten.“ Und die lauerten dann zwecks Liquiditätssteigerung allen möglichen Leuten auf, um beispielsweise Wegezoll von ihnen zu erpressen.

Der Olper Raubritter hatte es dann aber wohl ein wenig zu toll getrieben und musste Besserung geloben. Ganz ernst nahm er das aber wohl nicht, wie ein Blick auf die Initiale der Urkunde, also auf den ersten, in kunstvoller Großschrift gezeichneten ersten Buchstaben, beweist. Mit der Lupe kann man nämlich einen Kopf erkennen - und eine heraus gestreckte Zunge.

„Die Verwendung von Initialen war damals üblich, aber das hier ist eigentlich schon ein starkes Stück“, lacht Dr. Wermert - und hat gleich noch ein zweites Kuriosum parat: Der letzte Besitzer des Lehensgutes in Hildringhausen spielt auch die Hauptrolle in der so genannten „Hillerkus-Legende“.

Das Ende eines Weihnachtsfrevlers

Mit den Worten „Christtag ist Misttag“ soll er am Weihnachtstag seinen Dienstboten befohlen haben, im Haus und auf dem Feld zu arbeiten. Die gingen aber trotzdem nach Olpe zur Messe. Als sie zurückkehrten, waren Haus, Hof und Besitzer in der Erde versunken...