Ein Olper Grieche über die Griechenland-Krise

Apostolos „Laiki" Stavrou, gastronomisches Urgestein aus Olpe.
Apostolos „Laiki" Stavrou, gastronomisches Urgestein aus Olpe.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Fast auf den Tag genau 45 Jahre lebt er in Olpe: Gastwirt Apostolos „Laiki“ Stavrou steht Rede und Antwort.

Olpe.. Während man sich in Brüssel, Paris und Berlin die hochbezahlten Köpfe zerbricht, wie man denn die Griechenland-Krise noch umschiffen kann, ist die Meinung der Menschen „auf der Straße“ gespalten. Die Mehrheit der Deutschen ist, glaubt man den meisten Umfragen, gegen weitere Hilfstzahlungen. Was aber denkt eigentlich ein Grieche selbst über die vertrackte Situation, über sein Heimatland und dessen Zukunft.

Wir hatten Gelegenheit, mit Apostolos Stavrou zu sprechen, der fast auf den Tag genau 45 Jahre in Olpe lebt, den hierzulande unter seinem bürgerlichen Namen aber kaum jemand kennt. „Hier nennen mich alle nur Laiki“ grinst er mit spitzbübischem Charme in die Fotokamera. Und „Laiki“, das ist für die Olper in erster Linie der langjährige Wirt des „Samos“ unweit des Marktplatzes. Ein gastronomisches Urgestein der Kreisstadt. Uns stand „Laiki“ Stavrou im Interview ausführlich Rede und Antwort.

Zahlen und Daten

  • Apostolos Stavrou ist 60 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Er lebt seit 1970 in Olpe. Seit 1978 führt er die Gastwirtschaft „Samos“ in der Frankfurter Straße 18. Vor allem Fußball-Fans ist der „Samos“ ein Begriff, da sich viele Fans regelmäßig hier treffen, um die Bundesliga- und Champions-League-Spiele zu verfolgen.

  • Der Spitzname „Laiki“ kommt vom zu Apostolakis abgewandelten Vornamen Apostolos.

Seit wann genau sind Sie in Deutschland, Herr Stavrou?

Apostolos Stavrou: Es war der 1. Juli 1970, es war ein Sonntag und es regnete.

Das wissen Sie noch so genau?

Apostolos Stavrou: Vater und Mutter waren schon länger in Deutschland, der Vater zuerst in Olpe in den 60-er Jahren, dann kurz in München und Troisdorf, dann wieder in Olpe. Wir haben da oben in der Westfälischen Straße gewohnt. Da war gar nichts früher, nur Wiese, es war richtig schön. Unser Vater kaufte mir und meinem Bruder Niko Fahrräder, mit denen wir durch die Kortemicke gefahren sind und bei Imhäuser angefangen haben zu arbeiten. Eines Tages wollten wir zur Arbeit fahren, da waren die Fahrräder geklaut.

Wie war Griechenland damals?

Apostolos Stavrou: Es war schön, aber arm.

Und politisch?

Apostolos Stavrou: Damals waren wir ja noch Kinder, gerade einmal 15 Jahre alt, hatten damit noch nicht soviel am Hut.

Sie stammen aus dem Dorf Gorgomilos, habe ich mir sagen lassen, ein Dorf, etwa 380 km nordwestlich von Athen.

Apostolos Stavrou: Ja ja, Ihr Kollege Lothar war sogar schon mal da.

Wie groß ist Gorgomilos, einwohnermäßig?

Apostolos Stavrou: Früher so an die 3000 Einwohner, heute vielleicht noch 1000. Viele sind weggegangen. Es gibt keine Fabriken. Die Leute haben Landwirtschaft gehabt, die anderen wollten in die Städte, nach Athen oder Thessaloniki, Beamter werden, zum Beispiel Polizist. Das war mal so eine Mode.

Wie ist Griechenland heute?

Apostolos Stavrou: Immer noch schön. Aber manches ist einfach zu schnell gegangen. Diese Art von Modernisierung gefällt mir gar nicht.

Welches sind die Ursachen für den Weg in die Krise?

Apostolos Stavrou: Viele sagen, wir wären mit falschen Papieren in die EU reingekommen. Mag sein, aber ich frage mich: Wenn ein Land mit falschen Unterlagen in die EU kommt, dann hätte das den Herren, die damals regiert haben und die in der EU die Verantwortung getragen haben, doch auffallen müssen. Man kann nur schwer glauben, dass es niemand gewusst haben soll. Wenn diese Experten das nicht gemerkt haben wollen, haben sie ihre Arbeit nicht richtig gemacht.

Ist Tsipras der richtige Mann?

Apostolos Stavrou: Tsipras kannte gar keiner. Der war ganz plötzlich da. Aber mittlerweile denken viele, dass er die einzige Möglichkeit ist, etwas zu ändern. Wir haben früher ja eigentlich nur zwei Parteien gehabt, die Nea Demokratia und Pasok. Und die haben sich immer abgewechselt.

Wann setzte denn eine Entwicklung ein, die wirtschaftlich nicht mehr gesund war?

Apostolos Stavrou: Eigentlich von Beginn an, als wir in die EU reingekommen sind. Die Leute wussten ja kaum, was das für Folgen haben konnte. Es gab schon kurz danach so etwas wie die Auto-Abwrackprämie. Man hat den Leuten gesagt: Du kriegst ein bisschen Geld für dein altes Auto, und gleichzeitig kam die Bank und hat schon den Kredit für ein neues Auto angeboten. Die Banken haben Kreditkarten ausgegeben und gesagt: ,Damit können Sie Möbel kaufen.’ Auf einmal war Griechenland modern. Jeder hatte ein neues Auto und vieles mehr. Und dann waren die Kreditkarten plötzlich erschöpft, die Konten im Minus. Das haben viele Menschen zu lange verdrängt, auf die lange Bank geschoben.

Es herrschte also zu wenig Skepsis . . .

Apostolos Stavrou: Ja, auf jeden Fall. Die beiden eben genannten Parteien haben auch immer viel versprochen. Aber so viel verstehe ich auch nicht von der Politik. Ich wünsche mir nur, dass die Griechen wieder das Gefühl bekommen, dass ehrlichmit ihnen umgegangen wird.

Was ist im Moment das größte Problem?

Apostolos Stavrou: Die größten Probleme haben die Menschen in den Großstädten, die keine Arbeit haben. Ich glaube, fast jeder Dritte ist arbeitslos. Die jungen Menschen sehen überhaupt keine Zukunft. Man nimmt das als Tourist auf den ersten Blick gar nicht so wahr. Man sieht die Menschen in den Straßen und den Bars, den Cafés, es ist Leben da. Aber oftmals gehen die Jungen raus und können sich gar nichts leisten, sitzen vor einem Getränk. Es sieht aus, als ob die Menschen Geld haben, sie haben aber keins. Höchstens von den Eltern oder Großeltern. Und das ist das eigentliche Drama. Die jungen Menschen gehen weg. Nach Deutschland, England. Aber auch da haben sie nur schwerlich eine Zukunft. Und sie fehlen Griechenland.

Was muss verändert werden?

Apostolos Stavrou: Mein Wunsch ist, dass die Leute, die den Finanz-Skandal ausgelöst haben, alle, die damit zu tun hatten, vor Gericht gestellt werden. Dann müssen alle Griechen, vor allem die reichen, ihre Steuern bezahlen. Ich zahle ja auch meine Steuern, natürlich hier in Deutschland. Viele reiche Griechen haben ihre Schiffe, und auf einmal siehst du keine grieschiche Fahne mehr, sondern eine aus Panama. Oder aus Luxemburg. Die arbeiten mit allen Tricks, um an der griechischen Staatskasse vorbeizukommen. Das gibt es so oder so ähnlich in vielen anderen Ländern aber auch.

Fühlen sich die Griechen in ihrem Stolz verletzt?

Apostolos Stavrou: Ja, auf jeden Fall. Aber das wirklich Schlimme für die Griechen ist, das sie nicht mehr wissen, wem sie glauben, wem sie vertrauen können. Und das ist auch der Grund dafür, dass Tsipras an die Macht kam. Den Leuten blieb ja gar nichts anderes mehr übrig. Von allen anderen waren sie enttäuscht worden, von Tsipras noch nicht. Ich glaube, viele haben gedacht: Wenn der die Hälfte von dem, was er verspricht, auch macht, sind wir zufrieden.

Wie hätten Sie Sonntag gestimmt?

Apostolos Stavrou: Mein Wunsch ist, dass man die ältere Generation in Ruhe lässt, die Rentner, die gerade mal 400 Euro im Monat haben, so wie Verwandte von mir. Wenn man von dem Bisschen noch etwas wegnimmt, sind die am Ende. Die müssen einmal im Monat für Medikamente vielleicht 50 Euro bezahlen, dann für Strom und Heizöl.

Ist der Ausstieg aus dem Euro eine denkbare Lösung?

Apostolos Stavrou: Nein, die Griechen wollen überhaupt nicht raus.

Warum nicht?

Apostolos Stavrou: Alle Produkte, die von außen kommen, würden viel teurer. Für die Touristen würde es natürlich besser. Das wäre wie früher, als die Griechen von den Deutschen am liebsten die D-Mark haben wollten.

Haben Sie den langfristigen Plan, irgendwann einmal wieder in ihre Heimat zurückzukehren?

Apostolos Stavrou: Damals hatten wir den Wunsch, hier zu heiraten, Kinder zu bekommen und wieder zurückzukehren. Aber jetzt sind die Kinder groß, über 25, und wir sind immer noch da. Das Leben als Rentner hier kann auch schwierig sein, wenn man kein Haus hat und 600 Euro Miete bezahlen muss. Und wenn man 1 200 Euro Rente bekommt, wird auch das nicht einfach. In Griechenland kann man mit dieser Rente natürlich besser zurechtkommen.

Was geschieht in dieser Woche?

Apostolos Stavrou: Mein Wunsch ist es, dass Griechenland im Euro bleibt. Aber nicht mit diesen Maßnahmen, die die EU verlangt.

Also schon Eintreiben der Steuern, aber keine Rentenkürzungen?

Apostolos Stavrou: Ja, die Rentenkürzung für die jetzt ältere Generation will kaum ein Grieche. Die Steuern müssen gezahlt werden. Von allen. Vor allem von den Reichen.

Es gibt allerdings nichts Schwierigeres, als an das Geld der Reichen zu kommen. Das ist in Griechenland nicht anders als in Deutschland oder den USA. Wie soll einer griechischen Politik das gelingen?

Apostolos Stavrou: Ich glaube, das Beste wäre es, wenn es nicht die Griechen machen. Besser wäre, das macht einer von außen. Jemand, der keinen in Griechenland kennt, und den keiner kennt.

Also eine Art europäische Finanzbehörde?

Apostolos Stavrou: Ja, so etwas. Das wäre ein Rezept gegen die Korruption, die es in vielen, vor allem südeuropäischen Ländern gibt. Es sollte ein europäisches Finanzamt sein, dass für alle EU-Länder gleichermaßen zuständig wäre.

Genug Geld ist vermutlich vorhanden?

Apostolos Stavrou: Mit Sicherheit. Man hat ja gesehen, wie schnell wie viel Geld aus dem Land abgezogen worden ist ins Ausland. Das kann nicht sein.

Haben Sie Angst um Ihre Verwandten?

Apostolos Stavrou: Angst hab’ ich, wenn es auf einmal keinen Sprit mehr gibt, wenn in den Läden die Lebensmittel ausgehen.

Könnte es passieren, dass das Militär die Macht an sich reißt?

Apostolos Stavrou: Das hab’ ich Mitte der 70er Jahre schon einmal erlebt, das darf nie mehr passieren. Wir leben in einer Demokratie und das soll auch so bleiben.