Aus Respekt vor dem Toten das Handeln nicht in Frage stellen

Altenhundem/Welschen Ennest. „.  Bei dem Flugzeug hat es sich definitiv nicht um eine Lockheed F – 104 “Starfighter” gehandelt. Über dieses Flugzeugmuster verfügten die Niederländischen Luftstreitkräfte erst ab 1965.“, stellt Albrecht Jung nach unserer Berichterstattung vom 12. Juni fest. Als damaliger Zeitzeuge unmittelbar am Absturzort erinnert er sich:

„An besagtem Tag war ich Schüler der Unterprima am Gymnasium Lennestadt. Wir schrieben bei Frau Hartmann eine Französischarbeit über die große Pause hinweg. Wegen des schönen Wetters waren die gelben Sonnenvorhänge zugezogen. Durch den Lärm auf dem Schulhof bekamen wir aber mit, dass sich die Schüler in der Pause befanden. Dann ertönte der Lärm von Tieffliegern, damals nichts besonderes. Vom akustischen Eindruck her flog zunächst eine Maschine über die Schule hinweg. Dann kam eine zweite, sehr laut und vermutlich sehr tief. So wie der Schall über der Schule war, gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Gleichzeitig war das Triebwerksgeräusch verstummt. Was das zu bedeuten hatte, war uns sofort klar: Die Maschine musste hinter der Schule abgestürzt sein. Bemerkenswert die Reaktion der Französischlehrerin: Sie wurde kreidebleich im Gesicht, verlor aber nicht die Fassung. Meine Klasse musste die Französischarbeit weiterschreiben und zu Ende bringen. Anders bei mir: Mich hielt nichts mehr. Ich gab die Arbeit unvollendet ab und lief zur Absturzstelle. Dabei wurde ich von niemandem aufgehalten.

Gras und Büsche brannten

Gras und Buschwerk innerhalb eines Streifen dicht oberhalb der damaligen Bebauung des Biertappens brannten (vermutlich durch entzündetes Kerosin). An einem Haus war – wenn ich mich nach der langen Zeit richtig daran erinnere – der Dachstuhl in Mitleidenschaft gezogen. Damals ein leidenschaftlicher Modellflieger habe ich aber wenig auf die Umgebung geachtet. Mich interessierte das abgestürzte Flugzeug. Es war nicht mehr als Ganzes zu erkennen, sondern hatte sich durch die Wucht des Aufpralls in viele kleine Teile zerlegt, wobei das schwerste kompakte Teil, das Triebwerk, bis fast an die Olper Straße geflogen war.

Die wenigen größeren im Gelände verstreuten Teile legten den Schluss nahe, dass es sich um eine F-86 Sabre gehandelt haben musste, ein Flugzeug der North American Aviation oder eine ähnlich aussehende F-84. Diese Flugzeugmuster wurden noch lange Zeit nach dem Krieg in großer Stückzahl von den Niederländischen Luftstreitkräften geflogen. Ihre Silhouette war ein vertrautes Bild am Sauerländer Himmel. Ein Starfighter, wie später behauptet, war es m.E. nicht. Ihn hätte ich schon am charakteristischen Turbinengeräusch erkannt. Er kann es auch nicht gewesen sein, da der Starfighter erst ab 1965 bei der Koninklijke Luchtmacht im normalen Tagesbetrieb geflogen wurde.

Überall scharfe Munition

Überall lag verstreute scharfe MK-Munition. Als ich durch das Gelände lief, ging sie Gott sei Dank nicht mehr hoch. Dennoch war es sehr leichtsinnig von mir, mich dort zu bewegen. Ich konnte unbeschadet den gesamten Streifen bis an die Olper Straße durchqueren und einige interessante Teile aufsammeln, darunter Armaturen des Cockpits und eine etwa anderthalb Meter große Aluminiumbeplankung aus dem Flügel, auf der ein großer Teil des Hoheitszeichens zu sehen war. Damit habe ich mich auf den Heimweg gemacht und bin mit dem Zug – das große Flugzeugteil unter dem Arm – nach Hause gefahren. Am Bahnhof Altenhundem konnte ich erste Militärfahrzeuge beobachten, die zur Sicherung des Geländes anrückten.

Im Zug ging mir das Schicksal des Piloten durch den Kopf. Hatte er sein Leben geopfert, um die Kinder auf dem Schulhof zu retten? Man wird es letztlich nicht mit Gewissheit aufklären können. Man sollte es aber auch m.E. aus Respekt vor dem Toten nicht in Frage stellen.

Die Düsenjägerteile haben noch viele Jahre bei mir im Keller gestanden, bis sie schließlich als Schrott entsorgt wurden.”