Aufregung über neues Jagdgesetz nicht nachvollziehbar

Franz-Josef Göddecke (Olpe), seit 30 Jahren erster Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Olpe.
Franz-Josef Göddecke (Olpe), seit 30 Jahren erster Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Olpe.
Foto: WP
Was wir bereits wissen
Der Erste Vorsitzende des NABU-Kreisverbandes Olpe, Franz-Josef Göddecke, im Interview.

Kreis Olpe..  Das geplante ökologische Jagdgesetz hat in weiten Teilen der Jägerschaft heftige Proteste ausgelöst. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) begrüßt mehrere Passagen des Gesetzentwurfs, der im Mai vom Landtag verabschiedet werden soll, einige gehen ihm nicht weit genug. Wir sprachen über das Thema mit Franz-Josef Göddecke, NABU-Urgestein, und seit 30 Jahren Erster Vorsitzender des NABU-Kreisverbands Olpe.

Frage: Herr Göddecke, die Emotionen vor allem bei den Jägern kochen hoch. Wie bewerten Sie die geplante Gesetzesnovelle grundsätzlich?

Franz-Josef Göddecke: Es wurde höchste Zeit, dass was geändert wird. Auch, wenn man bedenkt, dass manche Teile des Gesetzes 60 Jahre alt sind, manche noch älter.

Welche Dinge sind besonders änderungsbedürftig?

Zum Beispiel die Zahl der jagdbaren Tiere.

Die ist also aus Ihrer Sicht deutlich zu hoch?

Der NABU vertritt ja die Position, dass eine sinnvolle Verwertung stattfindet. Das trifft natürlich für das Schalenwild zu, also beispielsweise für den Hirsch, das Reh, das Wildschwein, aber auch Gemse, Rotwild, Sikawild, was es jetzt hier bei uns nicht so gibt. Wobei die Wildschweine inzwischen eine besondere Problematik darstellen.

Aber was ist für die Natuschützer wesentlich?

Nehmen wir das Beispiel mit dem Höckerschwan aus Finnentrop. Es ist erlaubt, ihn zu schießen. Was für ein Quatsch. Meinen Respekt verdient der Jagdpächter, der schnell um Schadensbegrenzung bemüht war und sich im Grunde genommen schon konform der Gesetzesnovelle verhalten hat. Der hätte den Schwan nie geschossen. Ähnlich würde ich das bei Blässhühnern sehen. Kein Mensch isst ein Blässhuhn. Das sind lebende Zielscheiben, aber nichts für den Speiseplan.

Aus Sicht des NABU also eher das Ziel für einen Schießspaß?

Ja. Wir haben ja auch die Diskussion mit dem Kormoran hier im Kreis gehabt. Die Angler hatten ja durchgesetzt, dass zum Schutz der Äsche einige Kormorane an der Lenne geschossen werden durften. Im ersten Jahr ist das total in die Hose gegangen, weil die Jäger gar keine Lust hatten, auf die Kormorane anzusitzen. Das war einfach zu zeitaufwändig. Im Folgejahr hat es dann die geplanten Abschüsse gegeben, mit dem Ergebnis, dass der Kormoran, weil er ja an der Lenne verscheucht worden war, jeden Tümpel im Kreisgebiet gesucht und gefunden hat. Ähnlich verhielt es sich mit dem Graureiher. Solche Eingriffe machen letztlich keinen Sinn.

Nach der Novelle sollen 27 Arten jagdbar bleiben, vom Rotwild über den Feldhasen, den Dachs bis hin zu einigen Enten- und Taubenarten. Zahlreiche Arten wie Wachtel, der Höckerschwan, mehrere Gans- und Entenarten und alle Greifvögel dürften dann nicht mehr geschossen werden. Ist das in Ihrem Sinne, oder müssten noch mehr Arten geschützt werden?

Das ist weitgehend in Ordnung, aber noch nicht das letzte Wort. Bei den Greifvögeln beispielsweise benötigt man die Reguliereung durch die Jagd nicht. Das regelt sich über das Nahrungsangebot. Gibt es weniger Beute, legen die Vögel weniger Eier, oder die Jungen verhungern im Nest. Das regelt also die Natur selbst.

Für Aufregung unter Tierschützern sorgt immer wieder der Begriff „Ausbildung am lebenden Tier“, womit wohl auch gemeint ist, Jagdhunde müssten an lebenden Enten üben. Wie bewerten Sie das?

Da muss man sich die Frage stellen: Ist das Tierquälerei? Ich meine, schon.

Das würden die Jäger vermutlich energisch verneinen?

Die begründen das mit langer Tradition. Es ist ja klar: Wenn Jäger eine Ente überm Wasser geschossen haben, möchten sie die auch vom Hund holen lassen. Und wenn er das nicht kann, macht er das auch nicht. Die Frage ist: Gibt es da Alternativen, aber für diese Fragestellung fehlt mit die genaue Kenntnis.

Wie stehen Sie zum Thema „Katzen“?

Katzen sollten nicht geschossen werden, obwohl ich durchaus der Verhätschelung von Katzen skeptisch gegenüber stehe. Zudem wissen wir, dass gerade Katzen im Siedlungsbereich Feinde der Singvögel sind. Aber schützenswerte Wildkatzen ähneln Hauskatzen. Es gibt die Gefahr der Verwechslung. Und es kommt immer wieder vor, dass Jäger Katzen bereits schießen, wenn sie sich mal ein Stück weit außerhalb des Gartens herumgetrieben haben.

Warum reagieren die Jäger so heftig bei dieser Gesetzesnovelle?

Das ist eine Beschneidung von Gewohnheiten. Ob das alle betrifft? Ich glaube es nicht. Ich kann die Aufregung nicht unbedingt nachvollziehen. Es sind im vergangenen Jahr rund 1,2 Millionen Tiere geschossen worden. Und wenn man die Neuregelung zu Grunde legt, würden es etwa 20 000 weniger sein. Das ist nicht viel.

Sind Sie also der Ansicht, dass diese Novelle den Jägern eigentlich nicht weh tut?

In vielen Punkten überhaupt nicht. Der Protest ist ja verbandlich organisiert. Und wenn der Aufschrei verordnet wird, wird er auch vor Ort vollzogen. Man sollte festhalten: Die Jagd wird nicht abgeschafft. Wenn man von 1,2 Mio. Tieren nur 20 000 nicht mehr zu den jagdbaren zählt, dann ist das kein gewaltiger Eingriff.

Aber es wird sicherlich nicht die letzte strittige Diskussion zwischen Tier- und Naturschützern auf der einen und Jägern auf der anderen Seite bleiben?

Nein, das nächste Thema, der Wolf, steht ja schon vor der Haustüre, möglicherweise ist er schon da. Und da geht es den Jägern natürlich um ihr vermeintliches Eigentum ,Wild’, das ihnen der Wolf streitig macht. Aber klar ist: Das Wildtier ist erst dann Eigentum des Jägers, wenn er es erlegt hat, nicht vorher.

Gerade der Wolf hat das Zeug zum Reizthema. Was, wenn der erste Wolf hierzulande ein Schaf gerissen hat?

Dass der Wolf kommen wird, das müsste mittlerweile jedem klar sein. Man muss Vorkehrungen treffen, und das Land ist da in der Pflicht, Schäden an Haustieren zu begleichen. Umgekehrt muss man aber auch von Schafhaltern oder Haltern anderer Tierarten verlangen können, gewisse Vorkehrungen zu treffen. Der Wolf ist definitiv kein jagdbares Wild, er war es nicht und wird es auch nicht werden. Seit seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert gab es allerdings auch keine Notwendigkeit, über den Wolf nachzudenken. Aber jetzt ist sicher: Er kommt - zweifellos. Wir vom NABU-Kreisverband Olpe sind vor zwei Jahren in der Lausitz gewesen, haben uns von einem Wolf-Experten führen und beraten lassen. Dort gibt es mehr als ein Dutzend Rudel.

Von Finsterwalde nach Olpe sind es Luftlinie gerade mal 420 km. Ist das eine nennenswerte Entfernung für den Wolf?

Ein mit einem Sender ausgestatteter junger Wolf hat mal nachgewiesenermaßen in kurzer Zeit rund 1000 km zurückgelegt.

Sie sind also sicher: Der Wolf kommt auch ins Sauerland, und das nicht nur als exotisches Einzel-Exemplar?

Im Siegerland ist ja schon einer fotografiert worden. Das kann ein einzelner Jungwolf gewesen sein, aber unsere Region ist vom Nahrungsspektrum geeignet für den Wolf, auch für ganze Rudel. Und die werden kommen, da bin ich sicher. Wir begrüßen das. Es müssen aber Vorkehrungen getroffen werden. Da gibt es bereits sehr erfolgreiche Konzepte, beispielsweise in Sachsen. Insbesondere ein System mit Herdenschutzhunden ist denkbar, aber das braucht seine Zeit. Man müsste eigentlich jetzt damit anfangen. Aber Tierhalter werden sich dagegen wehren, und die Jäger werden sich hundertprozentig wehren. Die würden den Wolf sicherlich gerne abschießen, er ist ein Nahrungs-Konkurrent. Das Reh, das der Wolf frisst, wandert dem Jäger nicht mehr in den Topf.

Der Interviewpartner

Franz-Josef Göddecke ist 64 Jahre alt, Lehrer an der Olper Gallenbergschule, verheiratet und Vater zweier erwachsener Söhne. Göddecke ist seit November 1984 ununterbrochen Erster Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes Olpe. Laut der Homepage des NABU- Kreisverbandes Olpe will er Menschen dafür begeistern, „sich durch gemeinschaftliches Handeln für die Natur einzusetzen.“ Auch kommende Generationen sollten eine Erde vorfinden mit einer großen Vielfalt an Lebensräumen und Arten, sowie über gute Luft, sauberes Wasser und gesunde Böden.