Zwei außergewöhnliche Gebäude

Das Runde muss ins Eckige. So heißt es, wenn es beim Fußball um den Sieg geht. Mit dem Kolumbarium an der Augustastraße in Styrum ist auch dem Architekten Wolfgang Kamieth ein großer Wurf gelungen, der geschickt die runde und die eckige Form vereint und damit an frühe Sakralbauten anknüpft. Mit dem nach amerikanischen Beispiel von dem Bestattungsunternehmen Fohrmann privat betriebenen Urnenhaus nimmt Kamieth auch am Wettbewerb „Gute Bauten“ des Bundes Deutscher Architekten teil. Bundesweit zwar nicht einzigartig, aber längst noch nicht alltäglich sind textile Fassaden, so wie sie Gunvar Blanck für den Bau der Produktionshalle der Firma Heinrich Tapp verwandte, die in der Hohen Straße leider nicht im Fokus der Öffentlichkeit steht. Sie hebt sich optisch deutlich von dem sonstigen Einerlei bei Industriebauten ab. Die so unkonventionellen und gleichzeitig so unterschiedlichen Gebäude unter den acht eingereichten Beiträgen präsentiert die NRZ zum Start der kleinen Reihe.

Das Bestattungsunternehmen Fohrmann hatte sich schon seit zehn Jahren mit der Idee eines Kolumbariums getragen, war bei der Stadt aber auf wenig Gegenliebe gestoßen. Eine erste Bauvoranfrage wurde sogar abgelehnt. Auf nur 60 Quadratmetern finden hier 400 Urnenkammer Platz. Draußen wurde ein Garten der Stille in strenger Formstrenge für größere Trauerfreiern angelegt. Für Kamieth war es eine besondere Herausforderung. Barrierefrei sollte der Raum sein, schlicht und einfach, um einen angemessenen Rahmen für die Urnen, aber auch für die Trauernden zu schaffen. Intim und von der Außenwelt abgeschirmt musste der Raum ebenso sein. Auf elegante weise verknüpft Kamieth die äußere mit der inneren Form. Die Rotunde durchbricht außen das strenge Rechteck, dominiert aber auch das Innere. Er arbeitet mit Gegensätzen, so dass eine Spannung entsteht: rau-glatt, grob-fein, hell-dunkel. Während die Fassade aus grauem Naturstein besteht, ist die Rotunde golden und die Urnenkammer aus Nussbaum gearbeitet. Dass das Belichtungskonzept bis zu Ende durchdacht ist, zeigt sich auch gerade Abends.

Textilfassade

Von einem Negligés für Bauwerke spricht Blanck, wobei die vor die Gasbetonfassade gehängte Textilfaser mehr als nur eine optische Spielerei ist. Sie soll ein weitgehend optimales Raumklima ermöglichen, da Feuchtigkeit sehr gut abdampfen kann. Die Fassade ist zweiteilig. Das äußere Textil hält Schlagregen ebenso ab wie Insekten und absorbiert UV-Strahlen. Als zweite Schicht kommt im Abstand von sieben Zentimetern noch eine Membran. Beide Stoffe sind komplett recyclingfähig und außerdem wesentlich leichter als eine konventionelle Blechfassade. Der Hersteller verspricht eine zwölfjährige Garantie. Putzfassaden werden im Vergleich schon viel schneller unansehnlich und müssen schon nach gut fünf Jahren neu gestrichen werden. So dass die Textilfaser auch im langfristigen Vergleich finanziell interessant wird. Da eine solche Fassade für NRW eine Premiere darstellt, gibt es über die tatsächliche Haltbarkeit noch keine gesicherte Erkenntnis.

Interessant ist auch, dass sich Architekt und Bauherr für eine zweigeschossige Produktionshalle entschieden haben. Auch das ist nachhaltig. Im unteren Geschoss werden Blecharbeiten für technische Dämmungen hergestellt und im oberen Kissen genäht und mit Dämmung gestopft, so dass Gestaltung und Funktion passen. „Je nach Belichtung ist das Negligé durchscheinend, fast immateriell oder verdeckt bewusst, was Neugierde auf das Dahinter weckt“, sagt Blanck. Im Zusammenspiel mit dem Sonnenlicht gibt es einen reizvollen changierenden Effekt.