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Zinswetten und Co. - Riskante Finanzgeschäfte in Mülheim

07.06.2011 | 18:13 Uhr
Zinswetten und Co. - Riskante Finanzgeschäfte in Mülheim
Schweizer Käse ist für seine Löcher berühmt, der Schweizer Franken für seine Solidität. Davon wollte auch das Mülheimer Finanzmanagement profitieren. Foto: dapd

Mülheim.Immer noch macht die Stadt riskante Finanzgeschäfte – und hüllt sich vor der Politik in Schweigen. Schweizer Käse ist für seine Löcher berühmt, die Schweizer Franken gelten dagegen weniger als Luftnummer denn als harte Währung. Mit Kreditaufnahmen in eben dieser Schweizer Währung hat sich das städtische Finanzmanagement bislang auf sicherem Terrain gewähnt, zumal Liquiditätskredite in der Schweiz zu unschlagbar günstigen Konditionen zu haben sind. Doch das System ist mit der zunehmenden Verschuldung der EU-Länder löchrig geworden. Und so lässt der schwächelnde Euro auch die Bilanz schwächeln, die Kämmerer Uwe Bonan vorweisen kann.

Es hätte nicht viel gefehlt am Montagabend während der Sitzung des Finanzausschusses, dann hätte Bonan die Katze aus dem Sack lassen müssen, doch die Politik stellte die Frage einfach nicht: Was wäre, wenn die Stadt morgen ihre Kredite in Schweizer Franken auslösen würde? Würde eine rote oder schwarze Zahl unter dem Strich stehen?

Euro hat deutlich an Wert verloren

Die Zahl wäre tiefrot. Das Wechselkursrisiko, mit dem die freiwillig auf 50 Mio Euro und maximal sechs Monate Laufzeit limitierten Kreditgeschäfte in Schweizer Franken behaftet sind, hätte voll zugeschlagen. So hält die Stadt zurzeit einen Kreditvertrag über 30 Mio Euro, den sie vor knapp drei Monaten zu einem Wechselkurs von 1,2949 CHF/Euro. abgeschlossen hat. Da die Zinsen in der Schweiz etwa doppelt so niedrig wie die im Euro-Raum liegen, so präsentierte Bonan am Montag noch im Ausschuss, bringt der Kredit in Fremdwährung der Stadt innerhalb von nur drei Monaten eine Zinsersparnis von satten 49 000 Euro. So weit, so sinnvoll erscheinen die Geschäfte.

Das Währungsrisiko aber sparte Bonan in seiner Präsentation vor der Politik aus. Der Euro hat zwischenzeitlich im Vergleich zum Schweizer Franken deutlich an Wert verloren , der Wechselkurs liegt aktuell nur mehr bei 1,2235 CHF/Euro. Heißt: Wollte die die Stadt den Kredit in Schweizer Währung kommende Woche, wenn der Vertrag endet, auslösen, müsste sie kräftig in die leere Kasse greifen. Sie würde rund 1,7 Mio Euro mehr berappen müssen, als wenn sie den Kredit klassisch auf dem Euro-Markt aufgenommen hätte. Der zunächst rein rechnerische Währungsverlust dürfte in naher Zukunft noch anwachsen. Griechenland & Co. werden dem Euro wohl weiter zusetzen.

Déjà-vu-Erlebnis

Wie gesagt: Diese Rechnung präsentierte Bonan der Politik nicht, wohl wissend, dass die ohnehin emotionsgeladene Debatte über die städtische Zins- und Schuldenwirtschaft (Stichwort: 6,1-Millionen-Pleite mit sogenannten Swaps aus Zeiten vor Bonan ) hätte richtig giftig werden können.

Grünen-Ratsfrau Annette Lostermann-De Nil hatte gleichwohl schon Bauchschmerzen bekommen. Sie, die schon 2003 dabei war, als die Politik den fatalen Beschluss zum Einstieg ins Zinswettgeschäft fasste, bekannte sich nun, als „gebranntes Kind“, zum Déjà-vu-Erlebnis: „Hier wird präsentiert, dass innerhalb kurzer Zeit Währungsgewinne von 1,5 Mio Euro zu machen sind“, reagierte sie auf die Bonansche Bilanzierung abgelaufener Kreditgeschäfte in Schweizer Währung. „So ist die Swaps-Geschichte auch in Gang gesetzt worden.“ Im Kern hatte sie, auch wenn sie wohl nicht ahnte, welche Last schon auf den Papieren in Schweizer Währung liegt, Recht.

Risiko beherrschbar

Peter Beitz (FDP) kritisierte mehrfach die fehlende Risikoabwägung. Bonan aber wehrte erfolgreich ab – und ließ lieber widerstandslos über sich ergehen, dass der Ausschuss den Finanzmanagern die Aufnahme neuer Kredite in Fremdwährung untersagte. Allerdings nur, bis die Stadt Richtlinien für ein risikoverträgliches Zins- und Schuldenmanagement erarbeitet hat. Dann dürfte die Stadt wieder . . .

Kämmerer Bonan hält das Risiko der „Schweizer Kredite“ für beherrschbar, zumal er ungünstig laufende Verträge ohne Weiteres verlängern könne. Die Stadt habe ohnehin laufend einen riesigen Bedarf an Kassenkrediten (Stand 31. März: 548 Mio Euro), das 50-Mio-Kreditvolumen in Schweizer Franken stehe also nicht zur Tilgung an. So profitiere man immer noch von den traditionell niedrigen Schweizer Zinsen.

Mirco Stodollick

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Kommentare
08.06.2011
18:11
Zinswetten und Co. - Riskante Finanzgeschäfte in Mülheim
von andreas.gutschalk | #10

Das Risiko ist beherrschbar, also ist es real vorhanden. Wenn Herr Bonan zocken will, kann er das tun - in seiner Freizeit, mit seinem Geld.

08.06.2011
17:01
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von wutmuelheimer | #9

was ist doppelt so niedrig?? das geht nicht, doppelt ist immer höher. Gemeint ist wohl halb so hoch
Die Journalisten sind mittlerweile zum K. unpräzise.

08.06.2011
16:51
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von vowie | #8

Hier liegt die WAZ völlig falsch! Eine Richtigstellung wurde bereits an die Redaktion übersandt.

Der heutige WAZ-Artikel ist unvollständig, teilweise falsch und somit tendenziös. Genaueres ist unter http://www.muelheim-ruhr.de zu erfahren.

Volker Wiebels (Stadtpressesprecher)

08.06.2011
14:43
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von baumjohann | #7

Vor allem wird hier sowas von risikolos gezockt, besser geht es gar nicht: Steuergelder, die kommen ja immer wieder nach, Bonans Gehalt steht, ansonsten werden prächtige Boni fällig im Erfolgsfall, aber mindestens ein Besuch beim Pokalendspiel für alle ist immer drin. Da war Mülheim ja reichlich vertreten, inkl. Anhang. Wer das wohl bezahlt hat?

08.06.2011
14:26
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von michalek | #6

Was schon bei dem Thema „Swaps“ zu erkennen war bestätigt sich bei dem Vorgang „Schweizer Franken“. In einer Selbstüberschätzung ohnegleichen bleiben alle kritischen Stimmen von der Kämmerei unbeachtet. Das die Mitglieder im Finanzausschuss nicht in der Lage oder willens sind zum richtigen Zeitpunkt die notwendigen Fragen zu stellen unterstreicht die Probleme in unserer Stadt.
Alle möglichen und manchmal unbedeutenden Entscheidungen lassen sich die Verantwortlichen durch Fachgutachter für viel Geld absegnen nur solch eine hochkarätige und weittragende Endscheidung treffen sie ohne neutrale Beratung.
Die Mülheimer Bürger können nur hoffen das die Lokalredaktion der WAZ hartnäckig ihre Interessenvertretung weiter aufrecht erhält und sie wenigstens auf diesem Weg informiert werden.

08.06.2011
14:17
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von DKWF12 | #5

Nicht nur in MH wird gezockt.
In Bottrop sieht es nicht anders aus.
Hier geht es um 25 Millionen.

08.06.2011
12:05
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von Palaiologos | #4

Da schimpft alle Welt über die bösen Spekulanten, und die Stadt Mülheim spekuliert fleissig mit.
Der Kämmerer belügt den Finanzausschuss durch Weglassen, und die Mitglieder sind zu dumm, um nachzufragen.
Jeder Finanzvorstand eines Unternehmens würde für so etwas fristlos entlassen.

07.06.2011
20:57
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von FUBAR | #3

30 Mio.. Peanuts, wie der Herr Schneider so schön sagte.

Bei über 500 Mio. Schulden.

Und wenn man dann auch noch nur 10% der erwarteten Einnahmen hat und schon 150% ausgegeben oder verplant sind, dann sind 50 Mille die man weniger ausgibt auch gespart. Logo. Ich dachte immer, sparen bedeutet KEIN Geld auszugeben.

07.06.2011
20:17
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von pisatest | #2

Der zunächst rein rechnerische Währungsverlust...
Rechnerisch? Schön wärs - schon die laufenden Zinszahlungen werden teurer als kalkuliert. Der Ernstfall ist also schon eingetreten. Laufende Tilgungen sind natürlich auch betroffen.

07.06.2011
20:04
Erst Zinswetten, dann spekulative Kreditgeschäfte
von ruhrgebieti | #1

Nochmal ganz grundsätzlich:

Eine Stadtverwaltung ist kein Spaßinvestor, der mal ein paar Milliönchen von seinem Riesenvermögen für ein bißchen Zocken verschwenden kann. Wenns klappt, war man dabei - wenn nicht, ist noch genug übrig.

Mülheimer Verwaltungsangestellte sind auch keine Währungsprofis und internationale Spezialisten. Aber die Leute, mit denen man es aufnimmt und gegen die man wettet, die sind das.

Doch bereits in einem Durchschnittsstudium oder auch einer einfachen Bankausbildung lernt man, daß Finanzprodukte, also Erfindungen der Banken, immer so gestaltet werden, daß mindestens langfristig immer die Bank gewinnt. Dafür sitzen in den Banken Mathematiker und andere Spezialisten, z.B. Spieltheoretiker.

Wenn man als einfacher Stadtkassenangestellter glaubt, auf lange oder auch nur mittlere Sicht gegen diese Leute erfolgreich wetten zu können, leidet man unter Größenwahn.

Ich selbst habe ein Vierteljahrhundert Erfahrung mit extrem riskanten Geldanlagen, zuweilen schön viel Geld damit verdient und glaube trotzdem NICHT, daß ich schlauer bin als die Bank.

In einer Sache muß ein städtischer Finanzangestellter aber sehr wohl schlauer sein als der einfache Rentner, der mit Lehman-Zertifikaten auf die Nase gefallen ist:

Er MUSS wissen, daß ihn dieses Geschäft überfordert!

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