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Günter Wolfs Revier ist der Handel

08.01.2012 | 15:53 Uhr
Günter Wolfs Revier ist der Handel
Verdi-Gewerkschaftssekretär Günter Wolf.Foto: Stephan Glagla

Mülheim.„Der Verbraucher trägt nicht nur Tüten, er trägt auch Verantwortung“ – diesen Leitspruch hat Günter Wolf (55), der stellvertretende Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Mülheim-Oberhausen , verinnerlicht. Wolf ist versierter, unerschrockener Kämpfer für eine gerechte Entlohnung im Handel.

Wenn Arbeitgeber nicht auf die Forderungen des Verdi-Mannes reagieren, scheut dieser nicht, die Auseinandersetzung in die Öffentlichkeit zu tragen. Wenn der Imageschaden droht, so Wolfs Erfahrung, gibt auch der „härteste Hund“ mal nach. Der eigene Opa ist dem 55-Jährigen Vorbild gewesen, einzutreten für die Sache, die man selbst für gut hält.

Paul Wolf hieß dieser, aktiv war er im November 1918 beim Matrosenaufstand in Kiel. Der Kanonier zählte zur Besatzung der Schiffe, die zur „Entscheidungsschlacht“ des Ersten Weltkrieges gegen die britische Marine auslaufen sollte, aber eine Meuterei startete. Von Kiel ging die Novemberrevolution aus, der Sturz der Monarchie in Deutschland. Wolfs Opa war dabei, als die rote Fahne gehisst wurde.

Veränderung gesucht

Ein Vorbild. Vorbild dafür, eine Sache, wenn’s nötig ist, selbst in die Hand zu nehmen. Schon früh engagierte sich Wolf als Jugendvertreter für seine Kollegen in der Ausbildung bei der Kaufhaus-AG Horten. Wolf, „mit Ruhrwasser evangelisch getauft in Witten“, absolvierte die Lehre zum Einzelhandelskaufmann, mit 18 war er jüngster Betriebsrat im NRW-Einzelhandel, Betriebsratsvorsitzender, Gesamtbetriebsrat . . .

Es hätte so weitergehen können. Doch Wolf suchte Veränderung. „Eigentlich wollte ich das Abi nachbasteln und Geografie mit Schwerpunkt Touristik studieren“, sagt er, der so gerne auf Entdeckungsreisen geht – und hat es doch nicht getan. Die Gewerkschaft Handel -Banken-Versicherungen rief. 1991 war das, und heute ist Wolf immer noch für die Gewerkschaft, die mittlerweile in Verdi aufgegangen ist, aktiv.

Der Handel als Steckenpferd

Der Handel ist Wolfs Steckenpferd geblieben, 2006 ist er in den Bezirk Mülheim-Oberhausen gewechselt. Hier hat Wolf sich Meriten verdient, bundesweit beachtete Auseinandersetzungen geführt. „Die Kik-Sache damals ist über meinen Schreibtisch gegangen“, sagt er, „ein harter Brocken“. Zwei Jahre lang hat’s gedauert, bis der Billig-Textiler vom Landesarbeitsgericht verdonnert wurde, einer Beschäftigten die Differenz zwischen Tarif- und sittenwidrigem Kik-Lohn in voller Höhe nachzuzahlen.

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Ein zäher Kampf, viel öffentlicher Wirbel. Ein Arbeitgeber-Gebaren wie seinerzeit bei Kik mache ihn „zornig. Da ist mir ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden Ansporn, dem Arbeitgeber das Handwerk zu legen“, sagt der Eintagesbartträger. Im Kampf um die Tarifbindung von Schlecker hat er Aktion für Aktion gestartet. Unvergessen das Einschreiten gegen Tarifflucht und Lohndumping bei Real zur Markteröffnung am Heifeskamp, erfolgreich durch ein breit organisiertes Bündnis aus Gewerkschaft, Politik, Kirchen und Sozialverbänden. Noch jetzt treibt es Wolf ein Schmunzeln ins Gesicht, wenn er an die trickreiche Baustellenblockade denkt. Bei Mülheims 200-Jahr-Feier hat Verdi Bürger zum Boykott gegen Real aufgerufen. „Bis die die weißen Fahnen hochgezogen haben!“

Erste Erfolge vor Gericht

Der nimmermüde Wolf. 2011 hat er die Getränkemarktkette „Trink & Spare“ ins Visier genommen, eine Strafanzeige wegen Lohnwuchers mündete ins Ermittlungsverfahren. Vor Gericht gab’s schon erste Erfolge, der Arbeitgeber musste nachlöhnen.

Aber der Wolf kann auch anders, gemütlich. Er ist ein Erzähler, dem man gerne zuhört. Weil er sein Herz auf der Zunge trägt. Gerne erzählt er von seinen abenteuerlichen Reisen mit dem Motorrad. „Nicht bis zur nächsten Eisdiele“, sondern von Andorra nach Gi­braltar, durch die Slowakei bis zur ukrainischen Grenze, rund ums Schwarze Meer. Abenteuer auch ohne Krad: Mit Rucksack ging’s sechs Wochen selbst organisiert durch Madagaskar.

Verdi ist doch nicht alles. Zweimal schon hat Wolf ein Sabbatjahr eingelegt. „Das wird sich auf die Rente auswirken“, weiß er. „Aber das war es mir wert. Ich stelle keine großen Ansprüche, brauche keine dicken Autos, kein Saus und Braus.“

In diesem Jahr will er es übrigens noch mal wissen. Er hat seiner Lebensgefährtin, der stellvertretenden Verdi-Landeschefin vom Saarland, einen Heiratsantrag gemacht. Dazu gab es einen Bildband von Kate und William – „und die Anmerkung: Prinzen werden langsam weniger. Nimmst du auch einen Bürgerlichen?“

Mirco Stodollick

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