Wo einst gelernt wurde

Das Gebäude war aus gemauertem Holzfachwerk und bei der Rheinischen Prov. Feuersozietät mit 35 000 Mark versichert. Die ehemalige Volksschule an der Blücherstraße war zunächst eine zweiklassige Einrichtung mit Lehrerwohnung, Stallgebäude, Hofraum, Hausgarten. 1875 ist die Schule vermutlich eröffnet worden, zählte 1892 genau 192 Schüler, Hauptlehrer war Gustav Müller. Auch eine Schulbibliothek wird eingerichtet. 112 Bände sollen 1902 dort gestanden haben. Die kleine Volksschule in Heißen ist eine von vielen, die eine Arbeitsgruppe mit neun Mülheimer Rentnern und Pensionären bei ihrer Spurensuche nach alten Mülheimer Schulen entdeckt und beschrieben haben.

Drei Jahre haben sie sich auf die Suche begeben – es war, wie sie sagen, ein kleines Abenteuer für sie. „Jeder hat zunächst einmal versucht, die Geschichte der Schule zu ergründen, die er selbst einmal besucht hat“, berichtet Hans-Dieter Strunck, einer der neun Autoren. Gesucht wurde im Stadtarchiv, in alten Festschriften, in Jahrbüchern, in alten Zeitungen, im Kirchenarchiv. „Manche Schulen stellten uns ihre Chroniken zur Verfügung, zum Teil sehr akribisch geführte Bücher.“ Nach Zeitzeugen wurde auch gesucht.

Am Ende staunten sie selbst ein wenig über das, was sie auf ihrer Zeitreise durch vier Jahrhunderte gefunden haben: 89 Schulchroniken hat das Team zusammengestellt, nach Stadtteilen gegliedert, auf 500 Seiten niedergeschrieben. Ein Erstlingswerk zu diesem Thema. „Das Buch ist eine intensive und intime Begegnung mit der Geschichte unserer Schulen“, sagt die Oberbürgermeisterin und frühere Schulleiterin Dagmar Mühlenfeld. Sie ist überzeugt, dass es für viele Bürger interessant sein wird, auf diese Weise den eigenen schulischen Lebensweg zu verfolgen. Es ist, sagt Autorin Brigitte Riege, auch eine Reise in die eigene Kindheit und Jugendzeit.

Viele der beschriebenen Schulgebäude stehen heute nicht mehr. Sie fielen der Zeit zum Opfer oder später den Bomben. Viele waren damals schon schnell zu klein und mussten erweitert werden: Es war Ende des 19. Jahrhunderts vor allem die enorme Entwicklung des Bergbaus, die die Bevölkerung stark wachsen ließ. Über zu große Klassen klagten Lehrer schon damals und über missliche Wohnverhältnisse. Heute würden Bürgerinitiativen einschreiten.

Manches alte Schulgebäude steht heute noch, nicht mehr als Schule, sondern zum Beispiel als Gaststätte in Selbeck, die den Namen „Alte Schule“ noch trägt. Aus anderen sind Wohnhäuser geworden, in der Altstadt praktiziert heute ein Mediziner in einer ehemaligen Volksschule.

Wo auf Mülheimer Gebiet das erste Schulhaus stand, hat die Gruppe nicht herausgefunden. Allerdings konnten sie einer Chronik entnehmen, dass es von 1300 bis 1400 im Saarner Kloster eine Kinderschule gegeben hat. Historisch belegt sei das jedoch nicht, heißt es. Belegt dagegen ist, dass der Broicher Graf Wirich VI. von Daun-Falkenstein 1592 eine Lateinschule gründete, an der alte Sprachen, Geschichte und Mathematik gelehrt wurden. Und: Bereits 1611 wurde auf einer Versammlung der Duisburger Synode der „jämmerliche Zustand“ der hiesigen Schulen beklagt. Der Unterricht fand in sogenannten Pfarrschulen oder in Bauernstuben oder gar in Backhäusern statt, ermittelten die „Spurensucher“. Als gesichert gilt auch, dass mindestens seit 1658 eine Evangelische Schule am Klostermarkt bestand.

Es ging dem Arbeitskreis bei der Recherche nicht nur um Schulbauten, sondern auch um Lehrer. „Das Leben der Lehrer“, heißt es, „war keineswegs rosig“. Im Dorf Mülheim erfolgte die Berufung zum Lehrer eine Zeit lang durch den Kirchenrat. Neben der Lehrtätigkeit mussten sie damals auch viele andere Aufgaben im kirchlichen Auftrag übernehmen. Das Einkommen war gering und hing auch von der Zahl der Schüler ab. Kirchenprotokolle berichten davon, dass 1664 der Schulmeister zu Speldorf Klage gegen seinen Kollegen aus Saarn führte, weil dieser ihm „die Kinder entziehe“. In den Archiven entdeckte der Arbeitskreis zahlreiche Geschichten zu und über Lehrer. Ein Hauch von Feuerzangenbowle ist eben auch dabei.