Wo aus Abfall Rohstoff für neue Ideen wird

Was soll man mit einer veralteten Ausgabe eines Brockhauses machen? Zum Wegwerfen sind die Bücher zu schade, im Regal aber nimmt das veraltete Wissen nur Platz weg. Mit dem Buchrücken nach oben in einem hölzernen Rahmen verschraubt, bieten die Prachtbände aber eine originelle und bequeme Sitzgelegenheit. Wer’s weniger bildungsbürgerlich mag, kann auch auf einer Reihe Angélique-Romanen Platz nehmen. Kommoden aus Paletten mit gedrechselten Beinen, die Trommel einer Waschmaschine als Tischstütze, Zündkerzen als Kleiderhaken und ein durchgesägter Globus als Lampenschirm - solche Ideen findet man sonst in den Designläden der großen Städte. In Mülheim, wo sich der Einzelhandel seit Jahren schwer tut, vermutet man dergleichen nicht, schon gar nicht im Laden einer karitativen Einrichtung. Sonderbar erscheint in dem Laden gleichen Namens an der Kaiserstraße so einiges. Es lohnt sich auf jeden Fall, dort auf den drei Ebenen zu stöbern. Man findet mit Sicherheit etwas - und das zu vergleichbar erschwinglichen Preisen.

Das Herz der Sonderbar aber schlägt in der Georgstraße beim Diakoniewerk Arbeit und Kultur, wo in unterschiedlichen Abteilungen 270 Menschen tätig sind. Das kreative Zentrum befindet sich in der Schreinerei, doch längst machen auch andere Abteilungen mit.

Am Schraubstock steht Tanja Hilgers und feilt an dem metallenen Ende einer Mini-Bohle. Das nur wenige Zentimeter große Holzteil, das so aussehen soll wie eine große Bohle, die man vom Gerüstbau kennt, eignet sich prima als Schlüsselanhänger und ist für Kunden gedacht, die sich nur eine Kleinigkeit kaufen wollen. Bis Tanja Hilgers es technisch gut hinbekommen hat, musste die 29-Jährige einige Zeit tüfteln. „Es hat mich vier Tage gekostet, um rauszufinden, wie ich die Endstücke hinbekomme. Wir haben hier schließlich keine Anleitung wie bei Ikea“, sagt sie und lacht. Eine Skizze, die zeigt, wie sie das Blech stanzen muss, hat sie sich selbst angefertigt. Sie liegt neben dem Schraubstock. Fingerspitzengefühl, eine ruhige Hand und Geduld sind erforderlich, um die winzigen Nägel ins Holz zu schlagen. Fällt ein Nägelchen auf den Boden, ist es weg. Das findet man nicht mehr.

Und prompt fällt der Blick auf ihre Turnschuhe, die jeweils unterschiedliche Farben haben. Rot und Grün. Sonderbar. Aber das passt zu der lebenslustig wirkenden jungen Frau mit den Piercings in der Nase. Sie hatte auch die Idee, aus Schallplatten Schalen zu formen. Wie man das macht? „Eine Prise Salz und Pfeffer - der Rest ist Betriebsgeheimnis“, antwortet sie keck. Im Internet war sie auf die Anregung gestoßen und hat dann am heimischen Herd experimentiert. „Da habe ich mir auch ganz ordentlich die Finger verbrannt“, erzählt sie. Bei 100 bis 150 Grad verbiegt sich das Vinyl der Schallplatte und kann geformt werden. James Last, Abba und Beethoven kommen so zu neuen Ehren. Und aus den Covern macht sie eine Verpackung mit Klett-Verschluss, wie sie an Beethovens Klaviermusik demonstriert. Elise hätte ihre Freude daran.

Markus Nolden hat schon als Kind mit alten Sachen experimentiert, sie wild kombiniert und damit neues kreiert. Von Upcycling sprach da noch niemand. Das Basteln und Bauen liegt dem 38-Jährigen, der seit drei Jahren beim Diakoniewerk tätig ist. Abfall gibt es für ihn nicht. Einige Dinge sind aber widerspenstig, da kommt die Idee nicht so schnell. Sie landen erst einmal in der Rumpelkammer. In der Hand hält er eine dreiarmige verschnörkelte Lampe, die wuchtig und behäbig wirkt. Jeden Arm schraubt er separat auf eine edle Holzplatte und schafft so ein ganz neues und elegantes Leuchtelement. Das Holz stammt übrigens von den Transportkisten des Zimbabwe-Projektes des Kirchenkreises.

Was er aus dem Porzellan-Ständer der Lampe macht, weiß er allerdings noch nicht, da muss noch das passende Gegenstück kommen, um seine Kreativität zu beflügeln. Der Materialnachschub reißt an der Georgstraße nicht ab, weil regelmäßig Wohnungen entrümpelt werden. So liegen im Raum nebenan schon Skier, Salatseiher und Globen dutzendfach bereit. Daneben hängen alte Kopfhörer, alte Uhren und Tischbeine mit einem floralen Bauernmuster. Hauptrohstoff sind aber Paletten, aus denen Nolden gemeinsam mit Sven Freese, der einzige, der hier eine Schreinerlehre hinter sich hat, alle möglichen Möbel fabriziert.

Ganz sonderbar wird es ein paar Türen weiter. Hier macht Sabrina Elsing aus Glühbirnen, Stoff, Muttern, Schrauben und sonstigen Kleinteilen zauberhafte Figuren. Schrecklichen Kitsch nennen es die einen, die anderen lieben es.