„Wir werden kämpfen“

Die Mienen sind ernst. Gerade haben die Siemens-Mitarbeiter bei ihrer Betriebsversammlung gehört, dass 952 Stellen an ihrem Standort abgebaut werden sollen. Einen genauen Zeitplan gibt es aber noch nicht.
Die Mienen sind ernst. Gerade haben die Siemens-Mitarbeiter bei ihrer Betriebsversammlung gehört, dass 952 Stellen an ihrem Standort abgebaut werden sollen. Einen genauen Zeitplan gibt es aber noch nicht.
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Was wir bereits wissen
Die Stimmung ist gedrückt nach der Siemens-Betriebsversammlung. Im Fokus der Kritik steht die Konzernleitung. Man wirft ihr Fehler vor. Es gibt aber auch den Willen zu kämpfen.

Mülheim.. Die Stimmung ist aufgewühlt. „Das ist nicht hinnehmbar“, ruft jemand in der Halle. Lauter Applaus folgt. „Wir lassen uns nicht verarschen.“ Es ist die Stimme von Pietro Bazzoli, dem Betriebsratsvorsitzenden, die bis vor die Rhein-Ruhr-Halle dringt. Dort findet zu diesem Zeitpunkt bereits seit über einer Stunde die Betriebsversammlung des Siemens-Standortes statt. 2500 Mitarbeiter sind gekommen. Sie sind mit Bussen transportiert worden. Es sind zwar nicht alle da, aber doch sehr viele. Irgend jemand muss eben auch arbeiten, zumal gerade vom Mülheimer Standort aus auch viele Dienstreisen ins Ausland unternommen werden. Die können nicht einfach unterbrochen werden.

Pfiffe gegen das Management

Die Mienen der Beschäftigten sind ernst, sie wissen, dass es hier um ihre Zukunft geht. Kaum einer verlässt während der Versammlung die Halle, um draußen zu rauchen. Und wenn, dann steht die Tür einen Spalt offen. Man hört wie sich drinnen die Stimmung dem Siedepunkt nähert. Hört wie Bazzoli und die anderen Gewerkschafter auf ihre Kollegen einreden, ihnen Mut machen und zum Kampf auffordern, dabei immer wieder unterbrochen werden von Applaus. Aber man hört auch die Pfiffe. Sie gelten dem Management.

„Die haben sich tatsächlich bei uns entschuldigt. Es wären in der Vergangenheit Fehler gemacht worden. Dafür können wir uns jetzt auch nichts mehr kaufen.“ Der Mann schüttelt den Kopf. Er ist um die 50, trägt ein Holzfällerhemd und eine Lederjacke. Die Versammlung ist zu Ende. Jetzt steht er mit seinen Kollegen um einen Aschenbecher herum. Sie rauchen. Noch können sie nicht fassen, was sie gerade erfahren haben. „Wir arbeiten alle in der Generatoren-Abteilung. Und die soll komplett weg“, sagt einer aus der Gruppe.

Der Nebenmann bringt seine Kritik auf den Punkt: „So etwas passiert, wenn die Entscheidungen im Unternehmen von Leuten getroffen werden, die nur auf Zahlen gucken, aber keine Ahnung von der Technik haben. Wir sind hier sehr gut ausgebildet. Wir können die Maschinen bedienen. Wie sollen die das in Ungarn machen?“

Da tröstet auch nicht die Nachricht, dass ein großer Teil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für den Generator in Mülheim bleiben soll. Und in der Produktionshalle soll nach deren Leerzug ein NRW-Servicecenter für Turbinenwartung entstehen, mit 300 Mitarbeiter vom Standort Essen. Betriebsratschef Bazzoli reicht das aber nicht: „Es kann doch nicht sein, dass Siemens nichts anderes einfällt, als das Servicegeschäft für die Industrieturbine in diese große Halle zu holen.“

Wie die nächsten Schritte aussehen sollen, das fragen sich alle vor der Halle. „Ich hoffe, unsere Leute holen bei den Verhandlungen was raus. Wir werden kämpfen.“ Wie er sich die Zukunft vorstellt, will ein Kamerateam von einem Mann wissen. Doch der hat genug: „Nein“, ruft er. „Nicht noch Fernsehen. Ich rufe jetzt erst mal meine Frau an.“ Sie soll es von ihm erfahren.