Wie wir man Mülheimer?

Leicht war es für die beiden Studenten nicht, eine geeignete Wohnung zu finden. Bei vielen sei der Renovierungsbedarf erheblich gewesen, die Immoba hatte für die Vorlage der Bafög-Bescheinigung eine zu knappe Frist gesetzt, aber schließlich klappte es mit einer Wohnung bei der SWB, die für Studenten ein besonders attraktives Angebot vorhält. 62 Quadratmeter, 3 Zimmer, Balkon und in Nähe von Bahnhof und Hochschule. „Wir sind super zufrieden“, freut sich Noor Schelebi, die mit ihrem Bruder an der Hochschule Ruhr West internationale Wirtschaft - Emerging Markets studiert. Sie hört zwar bei offenem Fenster die Aktienstraße, doch das stört die 20-Jährige nicht. Sie seien auch nicht immer leise, sagt sie, lacht und nippt an ihrem Latte Macchiato.

Die Redaktion will die junge Frau begleiten, wie sie in der Stadt und der Hochschule Fuß fasst, heimisch wird und Freundschaften schließt. Mit welchen Augen sieht sie die Stadt und ihre Menschen, was gefällt ihr, was ärgert sie, was ist ihr wichtig? Als Journalisten haben wir einen professionellen Blick auf die Stadt, der sich durch Gespräche mit den wichtigsten Akteuren, Statistiken und eigenen Erfahrungen im Laufe der Zeit geformt hat. Gewohnheiten und ein Stück Lokalpatriotismus sind es, die den Blick der Aktiven in dieser Stadt prägen. In beiden Fällen ergibt dies ein Stück Betriebsblindheit, ein Gefangensein in Vorurteilen, so dass ein unbefangener neutraler Blick durchaus belebend und erhellend sein kann. In idealer Weise wären dies die Erfahrungen eines Studenten und einer jungen Familie.

Aber nach Mülheim wollte Noor Schelebi zunächst gar nicht ziehen. Freunde hatten ihr abgeraten. Viel lieber wäre sie wegen der Shopping- und Freizeitmöglichkeiten nach Essen gezogen. Als Tochter palästinensischer Eltern ist sie im Irak geboren und kam im Alter von zwei Jahren nach Hamm, wo sie Abitur machte. Zunächst startete sie an der FH in Düsseldorf ein Studium der Medientechnik, stellte aber rasch fest, dass es für sie zu viel Physik und Mathe beinhaltet.

Bei einer Studienberatung erfährt sie von dem Studiengang, der in Mülheim angeboten wird. Er hat auch mit Sprachen zu tun, das interessiert sie. Arabisch kann sie bereits, jetzt wird sie noch Chinesisch lernen. Dass ihr Bruder auch in Mülheim gelandet ist, sei purer Zufall. So lag es auch nahe, zusammen zu ziehen. Ahmed hatte keine Lust auf eine tägliche Pendelei und da auch die Eltern rieten, an den Studienort zu ziehen, gab sie klein bei. Die Entscheidung hat sie nicht bereut. Die Nachbarn sind nett, haben schon beim Einzug geholfen. Kommilitonen haben ihr erzählt, dass es auch in Mülheim schöne Ecken gebe und wollen ihr diese zeigen und schließlich kommt man überall schnell hin. Nur ohne Auto ist das Einkaufen doch beschwerlich, denn bis zum nächsten Supermarkt ist es schon ein Stück. Überrascht hat sie die Eppinghofer Straße. „Toll, wenn man mal schnell was essen möchte“, findet sie, abends möchte sie aber lieber doch nicht dort entlang nach Hause gehen.

Von der Innenstadt hat sie noch nicht viel gesehen. Die blühenden Bäume in den Pflanzkübeln gefallen ihr. „Im Winter sieht das aber auch bestimmt trist aus“, meint sie und zuckt zusammen, als sie hört, dass das die Bepflanzung 500 000 Euro gekostet hat. Den Leerstand an der unteren Schloßstraße findet sie schon erschreckend. Zuletzt hatte sie in Köln gewohnt und ist von dort anderes gewohnt.

Dort hat sie auch bei RTL ein Praktikum absolviert. Sie sucht auch jetzt einen Nebenjob. „Aber kein Kellnern. Das habe ich schon gemacht. Das ist zu anstrengend, wenn man richtig studieren möchte“, sagt sie. Die Cafés Mocca Nova und Perfetto gefallen ihr, weil sie einen eigenständigen Charakter haben, der sich von dem Einerlei der Ketten wohltuend abhebt. Auch die Ruhrpromenade gefällt ihr. „Gibt es hier eigentlich auch Ausflugsschiffe“, fragt sie. Diese Frage hätte man eher von älteren Semestern erwartet.