Wie man braune Lügen entlarvt
16.12.2008 | 20:03 Uhr 2008-12-16T20:03:00+0100Markus Tiedemann gibt in seinem Buch Tipps, wie man Rechtsradikalen wirkungsvoll entgegentritt.
Bisher war Mülheim zumindest in dieser Hinsicht eine Insel der Seeligen: Von einer aktiven Neonazi-Szene war nichts zu spüren. Einige Ereignisse aus den letzten Monaten sprechen dafür, dass sich hier etwas ändert. Die „Jungen Nationaldemokraten”, die Jugendorganisation der NPD, sorgte mit mehreren Infoständen nicht nur in der Innenstadt für Aufregung. Dass die politischen Aktivitäten der jungen Rechtsextremisten sich aber nicht allein darin erschöpfen, in der Öffentlichkeit Präsenz zu zeigen, beweist der Fall des Ratsherren Dieter Spliethoff.
Der Sozialdemokrat hatte in seiner Eigenschaft als Mitglied des Jugendhilfeausschusses für ein entschlossenes Vorgehen gegen die Rechtsextremen plädiert. Diese reagierten mit einer Kampagne: Auf einem Flugblatt, auf dem Spliethoff mit seinem Konterfei abgebildet wurde, forderten die Jungen Nationaldemokraten dazu auf, „sich an ihn persönlich zu wenden”. Und in der Folge wurde Spliethoffs Heim tatsächlich von mehreren Aktivisten aufgesucht. Im Hausflur fanden sich tote Fische. In das Auto des Ratsherren wurde von Unbekannten ein Hakenkreuz eingeritzt (die NRZ berichtete). Sicher, Mülheim ist nicht Passau, das steht fest. So bestätigte auch die Polizei auf NRZ-Anfrage, dass die Neonazi-Szene in der Stadt sich nicht auffällig erweitert hätte. Trotzdem: Es hat sich etwas geändert.
„Na, herzlichen Glückwunsch”, sagt Markus Tiedemann, als er von diesen Aktivitäten hört. Der Pädagoge ist Experte in Sachen Rechtsextremismus. Er hat sich intensiv mit den Strategien der Jungen Nationaldemokraten auseinandergesetzt. Seine Prognose: Mülheim kann sich darauf einstellen, auch in Zukunft mit den Aktionen der Rechtsextremisten konfrontiert zu werden. Doch vor dieser Auseinandersetzung, so macht Tiedemann auch klar, müsse man keine Angst haben. Allerdings, unvorbereitet dürfe man nicht in diesen Konflikt eintreten. Markus Tiedemann veröffentlichte ein Buch, das rechtsradikale Lügen über die NS-Zeit benennt und klar aufzeigt, wie man sie widerlegen kann (siehe Kasten).
Beispiel: Ein Schüler steht in der Klasse auf und erklärt: „In Auschwitz wurde niemand vergast.” Nicht jeder Lehrer ist studierter Historiker. Wie soll der Pädagoge nun reagieren? „Man darf nicht sofort mit der Moralkeule zuschlagen. Natürlich ist so eine Aussage schrecklich. Aber schreit der Lehrer rum und regt sich auf, fühlt sich der Schüler in seiner Provokation nur bestätigt”, ist Tiedemann überzeugt. „Man muss als Lehrer ruhig die Fakten anführen und darauf vertrauen, dass sie überzeugen. Das tun sie nämlich.” Die entsprechenden Quellenbelege finden sich in seinem Buch.
„Die Jungen Nationaldemokraten werden mittlerweile rhetorisch geschult. Wenn deren Vertreter in einer Versammlung oder in der Schule sich zu Wort melden, dann wollen sie vor allem auf die Leute Eindruck machen, die nur unbeteiligt zuhören”, betont Tiedemann. Diese Strategie müsse man kennen. „In der Reaktion muss man sich weniger an den Störer wenden - der ist meistens sowieso verloren-, sondern das Publikum einbeziehen.” Weiter müsse man aufpassen, dass man den Rechtsextremisten nicht persönlich diffamiere, das wirke nämlich unsouverän. Um so schlagkräftiger könne man antworten, wenn dieser mit Verunglimpfungen argumentiere. „Der Strörer darf in seiner Rolle als Provokateur nicht bestätigt werden”, betont der Pädagoge. „Jugendliche wollen provozieren - und zwar unabhängig von ihrer politischen Einstellung. Aber wo ist das heute noch möglich?”
Tiedemann erinnert sich an eine ehemalige Schülerin: „Die sagte zu mir: ,Wenn ich mich in der Klasse ausziehe, würden sie höchstens die Heizung höher drehen. Wenn ich aber den Holocaust leugne, dann kann ich sie provozieren.'” Deswegen sei der Rechtsextremismus für manche Jugendlichen so attraktiv. Gewiss, von der Situation in manchen Landstrichen in Ostdeutschland ist Mülheim noch lange entfernt, doch Wachsamkeit ist geboten.
Das Buch von Markus Tiedemann „ ,In Auschwitz wurde niemand vergast.' 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt.” ist im Verlag an der Ruhr erschienen und im Buchhandel erhältlich. Es wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

20:35
nicht die moralkeule rausholen, für diese pappköppe, sondern eine richtige...