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Wichtiger Impuls für eine Willkommenskultur

21.01.2015 | 00:10 Uhr

Es gibt Menschen, die reden groß darüber, was sie tun wollen, und es gibt solche, die machen einfach. Ihnen geht es um die Sache, nicht um ihre eigene Person. Zu letzteren gehört Reinhard Jehles, der vor einem halben Jahr den Anstoß zur Gründung der WiM und des Warenhauses für Flüchtlinge gegeben hat. „Inzwischen ist das ein Selbstläufer geworden“, freut er sich und während man mit ihm telefoniert, zählt er die Autos, die gerade vor dem Kaufhaus an der Solinger Straße parken, um aus ihrem Kofferraum tüten- oder kartonweise Material zu wuchten, das sie spenden wollen. Wie viele es pro Tag sind, vermag er nicht abzuschätzen. Über 20 Flüchtlingsfamilien seien es täglich, die dort in das 100 Quadratmeter große Warenhaus kommen.

Großartig findet er das. Das ist in diesen Tagen eines seiner Lieblingsworte. Großartig ist, dass eine Frau, die zwei mit Kleidung prall gefüllte Tüten vorbeibrachte, gleich da blieb, um zu helfen, weil sie die Initiative der WiM begeisterte und sie an dem Tag ohnehin nichts besonderes vorhatte. Großartig ist, dass der Nachbar, die Credo-Gemeinde, 600 Euro locker macht, mit denen im Baumarkt 30 Regale gekauft werden können, um die gespendeten Sachen besser lagern zu können. Großartig ist außerdem, dass gut die Hälfte der 30 Aktiven der WiM selbst eine Flüchtlingsgeschichte hat, dass inzwischen ein Verein gegründet wurde, dessen Gemeinnützigkeit anerkannt ist und nicht zuletzt ist auch die Medienresonanz großartig. Jehles hat anfangs übrigens immer wieder Filmteams vertröstet, weil sie beim Einzug in die Boverstraße, beim Einzug in die Löhstraße beim DRK oder beim Packen des Hilfstransports für die Jesiden in Syrien nur gestört hätten.

Er weiß, dass er mit seiner direkten Art manchmal bei Mitmenschen aneckt. „Ich bin absolut teamunfähig.“ Trotzdem hat der 61-Jährige es innerhalb kürzester Zeit geschafft, engagierte Menschen für die Flüchtlingshilfe zusammen zu bringen. Knapp 800 Mitglieder zählt die geschlossene Facebook-Gruppe, über die Aktionen vorbereitet und koordiniert werden. Und immer wieder kommen ihm und seinen Mitstreitern neue Ideen.

In seinem Büro sitzt Jehles am Computer, von dem aus er neben dem Brot-Job, er leitet eine Firma, die Tassen und Teller mit Ruhrpott-Motiven bedruckt, noch die Arbeit der Initiative lenkt. Er schreibt E-Mails an Partner und Helfer oder beantwortet Anfragen am Telefon.

Im sozialen Bereich kennt sich der gelernte Elektromechaniker aus. „13 Jahre habe ich im Fliednerwerk mit Behinderten gearbeitet.“ Als Gründungsmitglied der Grünen in Mülheim sei er damals in den 80er-Jahren auch politisch aktiv gewesen. „Etwa in der Anti-Atomkraft-Bewegung.“

Jehles ist zwar Gruppen-Gründer, steht aber nicht gerne im Vordergrund. Er verweist lieber auf die Gemeinschaft: Diese packt in einem Lagerraum nebenan bergeweise Kleider und Schuhe in Kartons – beinah täglich sortieren Ehrenamtliche das immer noch hohe Spendenaufkommen.

Wenn Reinhard Jehles an die vergangenen sechs Monate zurück denkt, kann er selbst kaum glauben, was die Initiative auf die Beine gestellt haben. „Alles fing ja mit der Hilfe für eine einzelne Flüchtlingsfamilie an.“ Die Resonanz war unglaublich: „Bereits am nächsten Tag standen Spenden vor der Tür.“ Die Hilfsbereitschaft wuchs. Privatleute und Unternehmen spendeten Kleider, Kinderwagen, Spielzeug, Möbelstücke. Im September schickte WiM einen Hilfstransport in die Türkei (ein weiterer soll im März starten). Je mehr die Leute gaben, desto mehr Arbeit musste in das Projekt gesteckt werden. „Da habe ich gemerkt, mit welcher Verantwortung das alles verbunden ist.“ Schließlich gab es Zeiten, in denen er ans Aufhören dachte. „Viele Freunde haben mich aufgebaut und gesagt ‘wir brauchen dich’.“ Motivation zieht Jehles aus der Gemeinschaft. Und auch aus der Betroffenheit, die eine andere ist, wenn man mit Menschen spricht, die ihr Leben riskierten, um in Freiheit leben zu können.

Ableger in anderen Städten

Über die hohe Spendenbereitschaft freut sich Jehles sehr. „In Mülheim herrscht eine große Willkommenskultur.“ Sechs Ableger der Initiative gibt es bereits in anderen Städten, dazu viele Kooperationen etwa mit dem Mülheimer DRK. „Letztlich können wir aber immer nur auf äußere Umstände reagieren.“ Die Arbeit der Gruppe hänge eben stark von politischen Entwicklungen ab. Einerseits mache ihn das Geschaffene und die Hilfsbereitschaft glücklich, andererseits aber auch traurig. „Wenn ich daran denke, aus welchem Anlass wir das alles machen.“ Hätte er einen Wunsch für die Zukunft, wäre es daher dieser: „Dass die Initiative nicht mehr gebraucht wird.“

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Wichtiger Impuls für eine Willkommenskultur
Wichtiger Impuls für eine Willkommenskultur
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http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/wichtiger-impuls-fuer-eine-willkommenskultur-aimp-id10258432.html
2015-01-21 00:10
Mülheim