WGs für Demenzkranke sind gefragt

Serge Dufeu arbeitet als Pfleger in einer WG in Mülheim-Saarn. Für die Bewohner werden auch Trinkprotokolle geführt.
Serge Dufeu arbeitet als Pfleger in einer WG in Mülheim-Saarn. Für die Bewohner werden auch Trinkprotokolle geführt.
Foto: Michael Dahlke
Was wir bereits wissen
Seit rund zehn Jahren gibt es solche Wohngemeinschaften in verschiedenen Stadtteilen. Mit Betreuung rund um die Uhr, aber ohne festen Tagesplan.

Mülheim. Wenn Menschen an Demenz erkrankt sind, geht es oft irgendwann zu Hause nicht mehr. Hilfesuchende Angehörige geben sie immer häufiger in betreute Wohngemeinschaften, die seit rund zehn Jahren auch in Mülheim bestehen. „Sie werden gerne genommen“, bestätigt Holger Förster von der städtischen Seniorenberatung. „Dort gibt es familiäre Strukturen, und man kann sich individueller auf die Leute einstellen.“

Besuch an der Mellinghofer Straße in Dümpten. „Viktoria“ heißt die WG, in der sechs Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 67 und 98 ihren Lebensabend verbringen. Hauseigentümerin ist die MWB. Jeder verfügt über ein eigenes Zimmer, bringt Möbel, Handtücher, Bilder und Kuchengabeln mit.

Ort der Begegnung ist die Wohnküche mit großem Esstisch, an dem zur Vormittagsstunde Bilderbücher betrachtet, Lieder gesungen, Hände getätschelt werden. Eine Frau sitzt reglos im Rollstuhl, mit geschlossenen Augen. Niemals sind die Demenzkranken alleine.

"Hier ist immer Leben"

Betreut werden sie von der Firma „die pflegepartner“: Tagsüber seien stets zwei Mitarbeiter da, erklärt Geschäftsführerin Christel Schneider, im Nachtdienst einer. Für einen geregelten Alltag mit gemeinsamen Mahlzeiten, Spaziergängen, Ausflügen sei grundsätzlich gesorgt, meint Teamleiter Olaf Leszinski: „Aber es gibt keinen festen Tagesplan wie in den Heimen, denn das ist mit Demenzkranken schwierig.“

Der Dienstleister „die pflegepartner“ ist in drei weiteren Wohngemeinschaften aktiv, diese liegen in Broich, auf der Heimaterde, wo erst Anfang Februar eine WG öffnete – und in Saarn. Hier steht den Pflegebedürftigen ein gediegenes Haus mit Terrasse und Garten zur Verfügung, in den im Sommer die Pferde der angrenzenden Koppel blicken. Inzwischen ist Mittagszeit: Im Backofen brutzelt Schinkenpizza, ein alter Herr nähert sich interessiert den heißen Blechen. „Ich muss aufpassen“, meint Ewa Korzela, die hier als Hauswirtschafterin arbeitet und zufrieden ist: Die Bewohner hätten immer einen guten Appetit.

Im geräumigen Wohnzimmer sitzen die anderen, wie so oft. Für Pfleger Serge Dufeu ein gutes Zeichen: „Der zentrale Treffpunkt. Hier ist immer Leben. Es passiert selten, dass sich jemand zurückzieht.“

Ohne Reibungen läuft der WG-Alltag natürlich nicht ab. Es passiert, dass Bewohner aggressiv und ausfallend werden, dass sich jemand über einen eingelaufenen Mohairpullover beschwert.

WG-Betreuung ist nicht teurer

„Wenn ich aber von Angehörigen höre, was sich vorher zu Hause abspielte, Weglauftendenzen oder ein völlig gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, dann beruhigt sich das hier in vielen Fällen“, sagt Christel Schneider. Auch aus Sicht der Betreuer hat das WG-Leben spürbare Vorteile. So sagt Olaf Leszinski, Teamleiter bei „Viktoria“ in Dümpten: „Ich habe 32 Jahre Berufserfahrung in Altenheimen, aber erst jetzt den Job meines Lebens.“

Wobei sich wohl auch bei den stationären Einrichtungen einiges geändert hat, wie Holger Förster von der Seniorenberatung betont: „Die Heime haben mit Wohngruppenkonzepten in den letzten Jahren stark nachgezogen.“

Teurer sei die WG-Betreuung grundsätzlich nicht, erklärt Christel Schneider: „Die Finanzierung setzt sich zusammen aus der Miete, dem Haushaltsgeld, der Pflegestufe und dem Betreuungsvertrag. Insgesamt zwischen 2300 und 2500 Euro“, je nach Lage und Ausstattung der Wohnung. Damit liege man „im unteren Drittel dessen, was ein Heimplatz kostet“.

Alternativangebot in Mülheim heißt „Katharina“

Es gibt noch eine weitere Pflegefirma in Mülheim, die Wohngemeinschaften speziell für Demenzkranke betreibt: „Ambulante Zukunft“ mit Hauptsitz in Broich. Seit 2006 wurden insgesamt vier WGs eröffnet, allesamt im Bereich Saarn oder Speldorf, mit jeweils zehn Bewohnern unter einem Dach.

„Seniorenresidenzen Katharina“ heißen die Angebote, deren Konzept Geschäftsführerin Gabriele Panz so skizziert: Die freistehenden Häuser, 270 bis 490 qm groß mit mehreren Badezimmern, gehören einem Privateigentümer, der einzelne Zimmer vermietet und, jeweils anteilig, die Gemeinschaftsräume. 24-Stunden-Pflege und Betreuung leistet die „Ambulante Zukunft“.

Laut Geschäftsführerin sind examinierte Mitarbeiter vor Ort, die über die Jahre kaum gewechselt hätten, einen geregelten Tagesablauf organisieren, „aber immer individuell abgestimmt auf die Bedürfnisse der Bewohner“. Sie nennt ein Beispiel: „Eine Dame bekommt jede Nacht um zwei noch eine Milchsuppe gekocht, darauf beharrt sie auch, steht aber morgens nicht gerne früh auf.“ Man lasse sie ausschlafen.

Da die Bewohner jedoch tagsüber gefordert würden, schon allein durch den Alltag mit neun anderen, fänden sie abends meist Ruhe. „Keiner von ihnen ist nur nachtaktiv.“

Frei in Gestaltung und Organisation

Die WGs sind offensichtlich gefragt, es besteht eine Warteliste, was manchmal problematisch werden kann. „Die meisten melden sich erst, wenn die Demenz schon im weit fortgeschrittenen Stadium ist“, erklärt Gabriele Panz, „und brauchen dann sofort einen Platz.“ Mindestens ein halbes Jahr müsse man den teilweise von starken Ängsten geplagten Senioren geben, bis sie sich eingelebt haben. „Sie merken aber schnell, dass sie Geborgenheit finden.“ Zum Herbst soll die fünfte WG eingerichtet werden.

Das neue Wohn- und Teilhabegesetz (WTG) für Pflegeeinrichtungen gilt unter bestimmten Voraussetzungen auch für WGs mit Betreuungsleistungen.


Anbieterverantwortete Wohngemeinschaften müssen gesetzliche Standards einhalten (z.B. beim Personal), unterliegen auch der Regelprüfung durch Heimaufsicht und MDK. Dagegen sind selbstverantwortete Wohngemeinschaften frei in ihrer Gestaltung und Organisation.