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Wenn die Pubertät zum Stressfaktor wird

23.02.2016 | 12:00 Uhr
Wenn die Pubertät zum Stressfaktor wird
Annette Kistner (l.) und Heike Collin von der Ev. Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen geben Eltern HilfestellungFoto: Müller

Mülheim.   Wenn Kinder zu Jugendlichen werden, ist das oft anstrengend für die ganze Familie. Das Wichtigste: Im Gespräch bleiben und Zutrauen zeigen, raten zwei Expertinnen.

In manchen Familien fliegen die Fetzen, wenn das Kind zum Teenager wird. In anderen herrscht Funkstille zwischen Eltern und Heranwachsenden. Jede Pubertät ist anders, aber oft anstrengend für alle Beteiligten. Heike Collin und Annette Kistner von der Ev. Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen geben Eltern Hilfestellung – bei Vorträgen in Familienzentren und im persönlichen Beratungsgespräch. 

Wann beginnt die Pubertät?

Heike Collin: Bei Mädchen oft schon mit zehn Jahren, bei Jungen etwa zwei Jahre später. Die Unterschiede sind aber groß. Es gibt  Zwölfjährige, die noch recht kindlich sind, während andere schon jugendlicher wirken.

Der Körper des Kindes verändert sich in der Pubertät...

Collin: Der Busen wächst bzw. die Barthaare sprießen, die Jugendlichen wachsen schnell, im Gehirn verändert sich einiges, sie bekommen fettige Haare, Pickel, usw., die meisten werden schamhafter. Viele Zwölfjährige stehen plötzlich stundenlang vor dem Spiegel. Manche Eltern halten das dann für eitel und oberflächlich. Aber diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ist wichtig, sie gehört zur Entwicklung der neuen Identität.

Was tun, wenn das Kind unter Pickeln und Co. leidet?

Annette Kistner: Eltern sollten zeigen, dass sie versuchen, die Gefühle des Kindes zu verstehen, aber die Situation natürlich nicht dramatisieren. Sie sollten ihren Teenie ernst nehmen und kritische Kommentare zu seinem Äußeren vermeiden.

Sich mit dem Handy zu fotografieren ist heute „in“...

Collin: Selbstdarstellung hat bei Jugendlichen immer schon eine Rolle gespielt. Heute werden Selfies gemacht und ins Netz gestellt. Man will sich Beliebtheit sichern, riskiert jedoch auch negative Reaktionen. Eltern können ihre Kinder über die Möglichkeit der unkontrollierten Verbreitung im Netz informieren.

Viele Jugendliche sind heute andauernd in den neuen Medien unterwegs...

Collin: Das stimmt. Eltern sollten die neuen Medien aber nicht verteufeln, sonst werden sie gar nicht mehr um Rat gefragt. Sie sollten auch mal neugierig sein, sich für die Welt der Jugendlichen interessieren, etwa fragen: Wie sieht eigentlich deine Facebook-Seite aus? Oder sich das gerade angesagte PC- Spiel erklären lassen, evtl. nachfragen, mit welcher Figur der Jugendliche sich identifiziert. Natürlich sollte man auch darauf achten: Was passiert sonst noch im Leben des Pubertierenden? Trifft sich das Kind mit Freunden? Hat es andere Hobbys?

Kistner: Das Wichtigste ist, dass man in der Pubertät mit seinem Kind in Kontakt bzw. im Gespräch bleibt. Ein Tipp: Beim gemeinsamen Familienessen oder bei Bring- und Abholdiensten einfach mal erzählen lassen – und ohne pädagogischen Anspruch zuhören. Raushören: Was ist meinem Kind wichtig?

Und wenn man das Verhalten der Teenager nicht gut findet?

Kistner/Collin: Man sollte schon klarmachen „Dieses Verhalten finde ich nicht gut!“, aber nicht überzeugen wollen. Ganz wichtig ist es, den Jugendlichen etwas zuzutrauen. Sie müssen selbst Erfahrungen machen, entscheiden, was sie tun wollen, Dinge mit sich selber klären. Eltern können und sollen für ihre Kinder in der Pubertät nicht mehr alles richten.

Wie sieht es mit Regeln aus?

Kistner: Wir raten zu ,Autorität durch Beziehung’. Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der viel riskiert und ausprobiert wird. Für die Eltern ist sie eine Gratwanderung zwischen Loslassen und Festhalten. Die Familie sollte gemeinsam die aufgestellten Regeln überprüfen und eventuell anpassen. Auf Überbehütung sollten Eltern genauso verzichten wie auf ständigen Druck oder auf Strafen.

Manche Eltern sind verletzt...

Collin: Es gibt Eltern, die das manchmal schwierige Verhalten ihres Teenagers als Ergebnis erzieherischen Scheiterns empfinden oder die sich persönlich angegriffen fühlen. Es gehört jedoch zum Abnabelungsprozess, dass die Eltern kritisch gesehen und ihre Verhaltensweisen hinterfragt werden. Es ist für Eltern auch schmerzhaft, nicht mehr so wichtig für ihre Kinder zu sein. Freunde sind nun wichtiger, und die Jugendlichen brauchen auch Geheimnisse. Ein Trost: Als junge Erwachsene wenden sich viele wieder mehr den Eltern zu.

Kistner: Die Familie hat für Jugendliche heutzutage einen viel höheren Stellenwert als vor 20 oder 30 Jahren, wo es einfach dazugehörte, aus dem bürgerlichen Elternhaus auszubrechen. Jugendliche setzen momentan sehr auf feste Beziehungen, machen erste sexuelle Erfahrungen meist mit einem festen Partner, achten auf Verhütung, usw.

Nicht jede Pubertät ist problematisch...

Kistner: Längst nicht jede Pubertät verläuft schwierig. Viele Familien kommen gut damit zurecht. Jugendliche sind oft sehr kreativ und lebendig und nicht wenige bewältigen den Übergang gut.

Ihr Tipp für gestresste Eltern?

Kistner/Collin: Weder resignieren noch ständig kämpfen. Keine langen Vorträge halten, eher mal Versöhnungsangebote machen. Sich zum Beispiel nicht über das chaotische Zimmer aufregen, sondern sagen: „Den Teller hier nehme ich schon mal mit“. Die  Eltern dürfen sich selbst das sagen, was sie von ihren Teenagern ohnehin zu hören kriegen: „Chill mal!“

Andrea Müller

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http://www.derwesten.de/staedte/muelheim/wenn-die-pubertaet-zum-stressfaktor-wird-id11589569.html
2016-02-23 12:00
Mülheim, Jugendliche, Ev. Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen, Beratung, Hilfe
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