Wenn die Politik versagt - eine Zukunftsvision

Die freundliche Frauenstimme nannte mich beim Namen. Ich schrecke auf. Mir schwirrt der Kopf. Ein fremdes Bett, ein fremdes Zimmer. Wo bin ich? Ob ich mein Frühstück auf der Terrasse oder auf der Promenade einnehmen wolle? Ich eile zum Fenster, sehe die Ruhr vor mir und die Konrad-Adenauer-Brücke neben mir. Links auf der Eisenbahnbrücke sind jede Menge Radfahrer und Spaziergänger unterwegs. Das gibt’s doch nicht. Der Ruhrradschnellschnellweg! Und das Haus kenne ich. Zumindest als Entwurf. Matthias Pfeifer hat es für den verloren gegangenen Wettbewerb um den Akademie-Standort der Sparkasse entworfen.

Aus dem iPad auf dem Tisch erklingt eine Fanfare: Die neuesten Nachrichten der NRZ. Mai 2025 lese ich in der Datumszeile und bin umso verblüffter, als ich einen Text von mir lese. „Skaterbahn im Ruhrtunnel eröffnet.“ Die Onlineausgabe der NRZ, die, wie ich später erfahre, schon seit Jahren nur noch papierlos erscheint und drei Mal am Tag aktualisiert wird, bietet mir weitere Hintergrundinformationen an. In Stichworten: Bezirksregierung greift durch und schließt den Straßenbahntunnel; Lokalpolitiker erweisen sich als handlungsunfähig, sie knicken beim Widerstand von Gewerkschaften und Bürgern ein und scheuen den Systemwechsel von Bahn auf Bus; Defizit des Verkehrsunternehmens steigt ins Unermessliche; Machtkampf in der Bezirksregierung, Verkehrsdezernent, der alle Versuche, Strecken still zu legen, mit der Androhung hoher Fördergeldrückzahlungen verhindert hat, unterliegt der Finanzaufsicht, die konsequentes Sparen angemahnt hat. Behörde spricht nicht mehr mit gespaltener Zunge.

Damals im Herbst 2015 hatten Kämmerer Uwe Bonan und Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld bei der Einbringung des Haushalts die Politik in bis dahin ungewöhnlich deutlicher Form, in die Pflicht zu nehmen versucht. Ich fordere Sie auf, „endlich, und zwar entschlossen, ihrer Handlungs- und Gestaltungsverantwortung nachzukommen und Entscheidungen zu treffen, mit denen die Zukunftsfähigkeit der Stadt gesichert werden kann“, sagte Mühlenfeld und fügte hinzu: „Stellen Sie sich der Tatsache, dass durch ihre Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen geschaffen oder verhindert wird.“ Ausdrücklich hatte sie damals eine Entscheidung für den ÖPNV gefordert, die den Namen Defizitabbau auch verdiene.

Was die Politik dann im Dezember beschlossen hatte, sorgte zwar in der Öffentlichkeit für einigen Wirbel, erwies sich letztlich aber als Makulatur, weil den Einsparzielen keine konkreten Punkte zugeordnet waren. Ich eile auf die Promenade. „Haus Inge“ signalisiert die Leuchtreklame des modernen und smarten Gebäudes, in dem allerlei Sensoren für Komfort sorgen. Ich lache, nicht weil der Name so altbacken klingt, sondern weil er eine Assoziation auslöst. Hat jetzt etwa die MST-Chefin Inge Kammerichs selbst ein Hotel gebaut? Gebetsmühlenartig hatte sie ein weiteres Hotel gefordert, selbst als B & B am Tourainer Ring baute und obwohl die Bettenauslastung gerade mal bei 30 Prozent lag. Am Hafenbecken zucke ich erneut zusammen. Der Kaufhof ist weg!Und die Schollenstraße ebenfalls. Statt dessen sehe ich hier einen Park und einen Marktplatz mit buntem Treiben. Aufgeregt befrage ich die NRZ-App meines Handys. Obst und Gemüse aus Mülheim werde hier überwiegend angeboten. Ein Kooperationsprojekt der Hochschule und des Oberhausener Fraunhofer Instituts. Urban Farming heißt das Schlagwort. Auf 2000 Quadratmetern gedeiht das Gemüse in Gewächshäusern auf dem Dach der Fachhochschule. Von dem Projekt nach New Yorker Vorbild hatte ich gehört, doch konnte der damalige Hochschulpräsident Eberhard Menzel dafür nicht begeistert werden. Seine Nachfolgerin Gudrun Stockmanns scheint da offener zu sein. Die Abwärme des Hauses und zusätzliche Solarmodule sollen helfen, um die Gewächshäuser mit Energie zu versorgen. Zum Gießen wird das Abwasser genutzt, das in einem Kreislauf durch multifunktionale Mikrosiebe und fotokatalytische, also selbstreinigende, Beschichtungen nutzbar gemacht wird. Die Ingenieure vom Umsicht-Institut haben eine Methode entwickelt, bei der die Pflanzen ganz ohne Erde auskommen - das spart Wasser und erhöht den Ertrag.
In einem ausgeklügelten Leitungssystem werden die Pflanzen mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Vor allem das Klima profitiert. In meiner App stoße ich auf eine Rechnung: In Deutschland gab es vor zehn Jahren 1200 Millionen Quadratmeter Flachdächer auf Nichtwohngebäuden. Auf etwa einem Viertel könnten Pflanzen gedeihen. Das würde eine CO2-Einsparung von 28 Millionen Tonnen bedeuten. Das entspricht 80 Prozent der gesamten Menge, die die Industrie auspustet. Wow, und Mülheim ist Schrittmacher bei einer solch innovativen Idee.

Erst jetzt bemerke ich, dass am Tisch neben mir zwei alte Bekannte sitzen. Ich halte mich lieber fern. Am Flughafen, der ein Jahr zuvor geschlossen wurde, so höre ich, ist ein Güterverteilzentrum der Post entstanden, die Sendungen werden per Drohne, per Paketkopter, wie es heißt, befördert. „Die machen praktisch keinen Lärm“, sagt Waldemar Nowak vom Netzwerk gegen Fluglärm und nuckelt an seiner Pfeife. „Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“ Angefangen hat das mit einem Versuch von DHL 2015, bei dem Medikamente auf die Insel Juist gebracht wurden. Für die 12 Kilometer lange Strecke brachte das Flugobjekt gerade eine viertel Stunde. Seitdem hat sich viel getan, technologisch, aber auch rechtlich. Dafür hat sich auch Peter Loef in seinem Interessenverband eingesetzt. „Wir Grünen sind offen für pragmatische Lösungen“, sagt er.

Ich komme zur Schloßstraße. Kein Geschäft weit und breit. Die Läden sind Arztpraxen, Kanzleien gewichen oder wurden in Wohnraum umgewandelt. Das hängt mit dem rasanten Wachstum des Online-Handels zusammen. Mein Handy spuckt die entsprechenden Zahlen aus. Schon 2014 hat der E-Commerce bundesweit um 42 Prozent zugelegt und einen Anteil am Gesamthandel von über 9 Prozent erlangt. Danach ging es weiter dynamisch bergauf.

Dazwischen rutscht eine schockierende Nachricht: „Kunstmuseum geschlossen - Folkwang Museum übernimmt Sammlung Ziegler“. Auch das eine Folge des Politikversagens. Ein Bauzaun ist um die Alte Post gezogen. Unkraut sprießt an der Fassade. Und am Hans-Böckler-Platz drehen sich die Baukräne. Bei weniger als 160000 Einwohnern muss Wohnraum abgebaut werden. Etwa die Hochhäuser. Ich schrecke auf. Alles nur ein böser Traum! Vor mir steht Museumschefin Beate Reese. „Sie sehen aber mitgenommen aus. Kommen Sie, wir trinken einen Kaffee. Ich erzähle Ihnen, was wir 2015 vorhaben.“ Es gibt also noch eine Chance.