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Kinderhospizarbeit

Wenn der Tod kein Tabu sein kann

09.02.2012 | 12:00 Uhr
Wenn der Tod kein Tabu sein kann
Foto: Oliver Müller

Mülheim. Sterben und Tod sind Themen, die an kleinen Kindern nicht vorbeigehen. Mit dem „Tag der Kinderhospizarbeit“ wird jährlich am 10. Februar auf die Situation betroffener Eltern und ihrer lebensverkürzend erkrankten Kinder aufmerksam gemacht. Das KinderPalliativNetzwerk mit Sitz in Essen betreut seit Jahren Familien in Essen und den umliegenden Städten, die ein unheilbar krankes, austherapiertes Kind haben.

Das funktioniert nur mit der Unterstützung ehrenamtlicher Kinderhospizmitarbeiter. Es geht hierbei nicht um pflegerische Tätigkeiten: Die Ehrenamtler helfen den Familien, indem sie das kranke Kind betreuen oder sich mit dessen Geschwistern beschäftigen und damit die Eltern entlasten.

Sozialarbeit als Berufung

Auch in Trauersituationen stehen sie Familien zur Seite, sind einfach da und hören zu. Keine einfache Aufgabe, für die sich Eva Reinartz (31) und Dörthe Stein (46) entschieden haben. Die beiden Mülheimerinnen stehen im Beruf – Polizeibeamtin ist die eine, Betriebswirtin die andere – und haben im vergangenen Jahr den rund 100-stündigen Vorbereitungskursus bei Wilma Neuwirth, der Koordinatorin des ambulanten Kinderhospizdienstes, absolviert.

Die hauptamtliche Mitarbeiterin wählt auch aus, welche Ehrenamtlichen am besten zu welcher Familie passen. Das kann dauern, denn es geht ja nicht nur darum, dass der Tagesablauf der Familie zum Hauptberuf des oder der Ehrenamtlichen passt, und dass die Chemie stimmt: Wer zwei bis vier Stunden pro Woche ehrenamtlich arbeiten möchte, soll dafür ja nicht unbedingt eine Stunde Anfahrt haben.

Dörthe Stein, die vor einigen Tagen „ihre“ Familie kennenlernen sollte, hat den achtjährigen Jungen nicht mehr treffen können: Das Kind erlag plötzlich seiner schweren Erkrankung. Eine Erfahrung, die für die Selbeckerin, selbst Mutter eines sechsjährigen Kindes, dazu gehört, und mit der umzugehen sie in dem Vorbereitungskurs gelernt hat.

Sie hat sich erst im vergangenen Jahr überlegt, auch etwas Soziales zu machen, denn dieser Bereich „lag brach“ im Job, bei dem sich die Projektmanagerin vor allem mit „Zahlen, Daten, Fakten“ beschäftigt. Als sie von der Möglichkeit hörte, ehrenamtliche Kinderhospizmitarbeiterin zu werden, wusste sie gleich: „Irgendwie war es das. Ich bin davon überzeugt, dass ich das kann.“ Und sie deutet an: „Ich weiß, was es heißt, jemanden zu verlieren, der einem nahe stand.“

Lernen auch für das eigene Leben

Auch Eva Reinartz aus Heißen wollte etwas mehr in ihrer Freizeit machen als etwa nur Sport zu treiben, wollte ihre Zeit für ein Ehrenamt zur Verfügung stellen, wie es ihre Mutter und die Schwester schon tun. Ihren Wechseldienst sieht die Polizistin nicht als Pro­blem, denn dadurch, sagt sie, sei sie ja auch flexibel. In Gesprächen mit der Essener Ehrenamtsagentur fand sie zum KinderPalliativNetzwerk und stellte sich dort für den „Vorbereitungskurs für KinderhospizbegleiterInnen“ vor.

15 völlig unterschiedliche Teilnehmer waren sie, im Alter von 17 bis 63. Der Kursus, der Austausch mit den anderen hat viel gebracht, nicht nur mehr Sicherheit für das künftige Ehrenamt, sondern auch für sich selbst, da sind sich die beiden Frauen einig: „Sich aus dem Alltag rauszunehmen, in ein Gespräch einzutauchen, das bleibt ja sonst so oft auf der Strecke“, sagt Eva Reinartz. „Wir haben aber auch viel gelacht“, ergänzt Dörthe Stein.

Gelernt haben sie beide, die Grenzen für sich in dem nicht einfachen Ehrenamt ziehen zu können. Wie alle anderen EhrenamtlerInnen nehmen Eva Reinartz und Dörthe Stein einmal im Monat an einem kollegialen Supervisionsgespräch teil, um sich, auch mit den Fachleuten des KinderPalliativNetzwerks, austauschen zu können. Die Profis stehen darüber hinaus jederzeit als Ansprechpartner für die Ehrenamtler zur Verfügung.

Netzwerk hilft betroffenen Familien

Nach Angaben des Deutschen Kinderhospizvereins sterben rund 1500 Kinder jährlich an einer unheilbaren Krankheit. Mitarbeiter des KinderPalliativNetzwerks (KPN) Essen wissen, dass betroffene Familien große Belastungen stemmen müssen. Das Netzwerk – Träger ist der Sozialdienst kath. Frauen Essen-Mitte e.V. – bietet Unterstützung an, indem organisatorische Aufgaben zusammengeführt und Familien dadurch entlastet werden.

Das KPN arbeitet mit Kinderkliniken, Ärzten, ambulanten Pflegediensten, Tageseinrichtungen, Kindergärten, Schulen, Selbsthilfegruppen zusammen. Kontakt: 0201 27508-123, KinderPalliativNetzwerk@skf-essen.de.

Bettina Kutzner

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2012-02-09 12:00
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