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Interview

Wenn das Erlebte nicht loslässt

28.07.2010 | 18:41 Uhr
Wenn das Erlebte nicht loslässt

Mülheim.Wer die Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg erlebt hat und körperlich unversehrt blieb, braucht womöglich dennoch Hilfe, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten. Ein Gespräch mit Dr. Rudolf Groß, dem Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am St. Marien-Hospital.

 

Gab es Menschen, die nach den Ereignissen in Duisburg in der Psychiatrischen Institutsambulanz des St. Marien-Hospitals Hilfe gesucht haben?

Groß: Ja, es haben sich am Wochenende einige wenige notfallmäßig an uns gewandt.

 

Was ist ein Trauma genau?

Ein Trauma ist ein äußerst belastendes Ereignis. Eine außergewöhnliche Bedrohungssituation von solch’ katastrophenartigem Ausmaß, die bei jedem Menschen eine tiefe Betroffenheit auslösen würde.

 

Wie reagiert man darauf?

Mit einer intensiven Gefühlsreaktion: mit Angst und Panik. In einer solchen lebensbedrohlichen Situation schaltet der Organismus auf Alarm, Stressreaktionen werden in Gang gesetzt. Es kann zu Angstzuständen, Herzklopfen, Schwitzen und zu einer Fluchtreaktion kommen. Es kann aber auch ein Totstellreflex eintreten, dann kommt es zu einem Zusammenbruch.

 

Viele Zeugen werden versuchen, das schreckliche Erlebnis mit sich selbst abzumachen. Ab wann sollte man sich ärztliche Hilfe suchen?

Wenn man merkt, dass man von dem Erlebten nicht mehr allein loskommt und man immer wieder von den eigenen Gefühlsreaktionen eingeholt wird. Und wenn man mit seinem Funktionieren im Alltag eingeschränkt ist.

Wenn man nach so einem Ereignis ein, zwei Tage lang schlecht schläft, sollte man sich das zugestehen. Wenn man aber eine ganze Woche lang nicht schlafen kann, tagsüber Konzentrationsstörungen hat, sich in einem regelrechten Alarmzustand befindet, ständig gereizt ist und zu Wutausbrüchen bei Kleinigkeiten neigt, deutet das darauf hin, dass man möglicherweise doch Hilfe braucht.

 

Kann eine Reaktion auf das Erlebte denn auch noch später auftreten?

Das ist durchaus möglich. Bei einer Posttraumatischen Belastungssreaktion wird man immer wieder an das Ereignis erinnert. Manchmal auch nur durch Kleinigkeiten. Man reagiert dann mit einer intensiven Erinnerung oder einem Wiedererleben dieser Situation, dem so genannten Flashback. Man hat dann womöglich wieder Träume über das Geschehen und gerät in Situationen, die der ursprünglichen, traumatischen Erfahrung ähneln, in Panik.

Mancher, der die Enge in Duisburg erlebt hat, wird womöglich künftig eine zu große Enge, etwa in einem Aufzug, oder eine größere Menschenmenge meiden.

Wie kann die Psychotherapie Betroffenen helfen?

Eine Zeit lang dachte man, man müsse unmittelbar danach über das Trauma sprechen. Heute weiß man, dass das bei weitem nicht jedem hilft, sondern bei manchen sogar die Reaktionen noch verstärkt. Wichtiger ist es, unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis ausgleichende Entspannungsmaßnahmen zu erlernen.

 

Was macht ein Therapeut bei einer Traumatherapie?

Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Voraussetzung für eine Traumatherapie ist, dass eine stabile Beziehung zum Therapeuten besteht, dass Sicherheit vermittelt wird. Es gibt verschiedene therapeutische Verfahren, wie man eine Distanz zu den belastenden Eindrücken, die traumatisierte Menschen immer wieder einholen, herstellen kann.

 

Wie kann man sich selbst helfen, das Erlebte besser verarbeiten zu können?

Man kann das Geschehene nicht rückgängig machen, es ist nun ein Teil der eigenen, unmittelbaren Erfahrung, ein Teil es eigenen Lebens. Man sollte sich fragen: Was tut mit jetzt gut, womit kann ich mich entspannen, wo sind meine Ressourcen. Wenn das nicht klappt, sollte man sich nicht unter Druck setzen, sondern dann darf man sich nicht scheuen, sich Hilfe zu suchen.

Bettina Kutzner

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