Wegweisendes Engagement

Wohin geht der Weg? Über diese Frage hat Reinhard Jehles erst in den letzten Tagen nachdenken müssen. Und zwar ganz praktischen. Einige Menschen wollten an dem neuen Lager der Hilfsaktion für Flüchtlinge „Willkommen in Mülheim“ an der Solinger Straße Kleiderspenden abgeben, aber sie haben es nicht gefunden. Also hat er ein Schild angebracht. Könnte so einen Wegweiser nicht auch die Gesellschaft insgesamt gebrauchen? Eine aktuelle Umfrage zeigt: Jeder dritte Deutsche sympathisiert mit den Positionen von Pegida. „Das finde ich schon beunruhigend“, sagt Jehles. Er ist da nicht alleine, hatte doch auch Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Silvester-Ansprache vor einer neuen Fremdenfeindlichkeit gewarnt.

Aber die WiM wird in der Tat auch als ein Wegweiser in die Gegenrichtung wahrgenommen. Auch jenseits der Stadtgrenzen. „An Heiligabend habe ich einen Anruf vom WDR bekommen. Sie wollten mich tatsächlich genau zu diesem Problem für die Aktuelle Stunde interviewen.“ Doch Jehles hatte keine Zeit, konnte dafür aber Ersatz bieten: „Ich habe unsere Freunde von Willkommen in Hattingen empfohlen.“ Dort gibt es nämlich, wie unter anderem auch in Essen oder Duisburg, mittlerweile einen Ableger der Initiative. Auch das ist für Jehles ein ermutigendes Zeichen: „Ich erlebe jeden Tag, dass sich viele Menschen Gedanken darüber machen, wie sie den Flüchtlingen helfen können. Das beste Beispiel: Es vergeht auch jetzt kaum ein Tag, an dem wir keine Spenden bekommen.“

Den Ansatz von WiM beschreibt er so: „Wir setzen auf persönliche Begegnung. Das ist das beste Mittel gegen Angst. Ich bin davon überzeugt, dass viele von denen, die jetzt bei Pegida mitmarschieren, anders denken würden, wenn sie einmal persönlichen Kontakt zu Flüchtlingen gehabt hätten.“

Diese persönliche Bindung spiegelt sich auch in dem engeren Unterstützerkreis wider, der aus 24 ehrenamtlichen Helfern besteht, von denen wiederum viele selbst Flüchtlinge sind. Wenn Jehles sich mit diesen Menschen beschäftigt, dann kann er eine Gefährdung des „Abendlandes“ wirklich nicht erkennen. Im Gegenteil: „Es ist auffällig, wie viele von den Flüchtlingen, und das sind nicht nur Christen, uns frohe Weihnachten wünschen. Sie sind neugierig auf unsere Bräuche.“ Auch das alles sind Zeichen der Nähe.

Zur Nähe gehören aber auch die schnellen Wege. Und auch hier leistet die WiM gute Dienste, in diesem Fall zur Entlastung der Stadtverwaltung, „Wenn neue Familien kurzfristig eintreffen und die Verwaltung feststellt, das sie Kleidung benötigen, dann meldet sich der Sozialdienst bei uns. Wir können dann schnell reagieren.“ Auch wegen solchen gut funktionierenden Strukturen schauen andere Städte auf Mülheim.

Mit dem neuen Jahr tritt die Initiative nun in eine neue Phase ihrer Geschichte ein. Es ist ein sogenannter nicht-eingetragener Verein gegründet worden. Der Vorteil gegenüber der herkömmlich Vereinsgründung: Man braucht nur drei Gründungsmitglieder und auch die Satzungsregelungen sind nicht so kompliziert, der Verein kann aber trotzdem zum Beispiel ein Konto einrichten. Für die WiM genau das richtige Modell. Schließlich wollen die Aktivisten der Initiative ihre Energie nicht an juristischen Detailfragen vergeuden. Die setzen sie lieber anders ein.

Auch zwischen den Jahren. Die Zeit haben die 24 Helfer lieber dazu genutzt, den Umzug in ein zweites Lager zu organisieren. Die Kleiderausgabe beim Kooperationspartner DRK an der Löhstraße allein war nämlich zu klein geworden. Auch dieser Einsatz ist wegweisend,