Wege aus der Schuldenfalle

Wohl dem, der in der Geldnot noch ein Sparschwein schlachten kann: Die meisten Schuldner können gar keine Rücklagen bilden, weiß die Awo.
Wohl dem, der in der Geldnot noch ein Sparschwein schlachten kann: Die meisten Schuldner können gar keine Rücklagen bilden, weiß die Awo.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Die Zahl der Mülheimer, die mit ihrem Einkommen nicht mehr auskommen, bewegt sich seit Jahren auf einem hohen Niveau.

Mülheim.. Wenn das Geld nicht (mehr) reicht, kann das nicht nur den Schlaf kosten. Viele Schuldner, wissen die Berater um Carsten Welp, der bei der Awo die Schuldnerberatung leitet, stecken irgendwann den Kopf in den Sand und kommen erst, wenn der Strom schon abgestellt ist und die Räumung droht – nicht selten mit einem Karton voll ungeöffneter Mahnbriefe und Rechnungen.

Die Zahl der Mülheimer, die mit dem Einkommen nicht mehr auskommen, bewegt sich „seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau“, wissen Welp und sein dreiköpfiges Team, zu dem noch fünf Ehrenamtler gehören, die den Ratsuchenden erst einmal die Gläubigerpost sortieren. Insgesamt 1362 Personen wurden 2014 beraten, 1370 waren es im Jahr davor. 857 Schuldner kamen erstmals in die Beratungsstelle an der Bahnstraße, etwas mehr als im Jahr 2013 (817). Die durchschnittliche Höhe der Schulden gibt Carsten Welp mit 25.200 Euro an – rund 7,5 Millionen Euro mussten dabei reguliert werden, weitaus mehr als noch 2013 mit 6,2 Mio Euro.

Viele können keine Rücklagen bilden

„Ratsuchende sind häufig nicht mehr in der Lage, kleinste Raten zu zahlen“, beschreibt Welp die schwierige Lage vieler Verschuldeter. „Es gibt Tage, da haben wir 40, 50 Leute in der Beratung.“ Obwohl seine Kundschaft zahlungswillig ist, ist sie oft nicht zahlungsfähig. Viele können keine Rücklagen bilden, so dass etwa die Jahresabrechnung der Energieversorger in Verzweiflung stürzt. Also sind auch die Verbraucherinsolvenzen in Mülheim gestiegen: auf 131 Anträge. (2013: 119). Doch konnten immerhin 1,5 Mio Euro Schulden ohne ein Insolvenzverfahren reguliert werden.

Knapp 40 % der Ratsuchenden bezogen im vergangenen Jahr Leistungen nach SGB II (Hartz IV); 7% erhielten ergänzende Leistungen (SGB XII) zum zu geringen Einkommen. Jobverlust ist der Hauptgrund für eine Verschuldung. In die Schuldenfalle tappt auch schnell, wer bei einer Veränderung der Lebenssituation den Überblick über seine Finanzen verliert: Das kann nach einer Trennung/Scheidung geschehen, oder auch nach dem Übergang in den Ruhestand, wenn die Rente nicht reicht. „Es kann“, weiß Awo-Geschäftsführer Lothar Fink, „jeden Durchschnittsverdiener treffen.“ Die Schuldnerberater versuchen dann erst mal, dafür zu sorgen, dass die Lebenshaltung wie Miete, Strom, Heizung gesichert ist – nicht selten saugen Einzugsermächtigungen, etwa für Kredite, zum Monatsanfang das Konto leer.

Mehrere Probleme häufen sich

Häufig kommen mehrere Probleme zusammen, wenn das Geld nicht reicht, weiß Welp: psychische Erkrankungen, ein Suchtproblem, der Unterhalt wird nicht gezahlt. „Bei solchen komplexen Problemen können wir ja nicht einfach sagen: Wir regulieren mal eben Ihre Schulden“. Er appelliert, früh genug in die Beratung zu kommen: „Je früher man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, umso mehr kann man dann auch machen.“

Die Arbeit reißt für die Schuldnerberatung nicht ab: Bereits im ersten Quartal 2015 ließen sich 392 Menschen beraten, 244 zum ersten Mal. Carsten Welp hält einen deutlichen Anstieg der Zahlen in diesen Jahr für realistisch.